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Die Krise als Chance zur Entwicklung: Lebensaufgaben verstehen und annehmen



Ich lese gerade in einem schönen Buch von Elisabeth Lukas, einer Schülerin des Wiener Psychiaters und Logotherapie-Begründers Viktor E. Frankl. „Auf den Stufen des Lebens“ heißt es. Stufen einmal deshalb, weil die Fallgeschichten darin sich vor allem mit Situationen beschäftigen, die für Menschen Krisen bedeuten. Oft sind es Schicksalsschläge, z. B. schwere Verlusterlebnisse oder auch Krankheiten, manchmal auch Krisen, die mit Lebensentscheidungen verknüpft sind.

Es geht also auf der einen Seite um Lebens-Stufen im Sinne von „Stolpersteinen“ - Situationen, die uns ins Wanken bringen können oder sogar fallen lassen. Anders betrachtet sind Stufen aber auch ein Weg, der nach oben führt, auf denen wir höher steigen können, als wir es ursprünglich waren oder sind. Im Sinne der Logotherapie und Existenzanalyse ist das oberste Ziel, zu dem wir emporsteigen können, das, was Logotherapeuten ein sinnerfülltes Dasein nennen (logos = Sinn). Aus dieser Perspektive betrachtet, sind die Stufen also ein notwendiges und unentbehrliches Hilfsmittel, Stück für Stück weiter nach oben zu gelangen. Gäbe es sie nicht, müssten wir auf der Stufe oder Ebene bleiben, auf der wir sind. Und das ist natürlich - zumindest aus psychologisch-therapeutischer, sicher aber auch aus philosophischer und spiritueller Perspektive - nicht wünschenswert ....

Frankl war davon überzeugt, dass Menschen am Leiden reifen und wachsen können. Kein exotischer Gedanke in der Psychologie - viele Therapierichtungen, meine eigene eingeschlossen, sehen Leiden und Probleme unter der Perspektive der Entwicklungsmöglichkeiten, quasi als Aufforderung zum Wandel. „Wer etwas ändern will, braucht ein Problem“ ist ein beliebtes Zitat in Therapeutenkreisen. Hintergrund ist die Erkenntnis, dass wir Menschen nun mal träge gestrickt sind. So lange alles in Ordnung ist und alles nach unseren Wünschen läuft, warum sollten wir da etwas verändern wollen? „Objects at rest tend to stay at rest unless acted upon by an outside force“: das Newton‘sche Gesetz gilt für uns in vollem Umfang. Erst, wenn etwas schwierig wird, widerständig, wenn wir von außen (oder manchmal von innen) rüde angestoßen werden, dann beginnen wir uns zu bewegen, langsam, widerwillig und meist unter großem Weh und Ach. Statt zu erkennen, dass Stagnation Rückschritt bedeutet und Weiterbewegung und -entwicklung eben nicht umsonst zu haben ist.

Die Logotherapie ist besonders gut darin, mit den „Hammerschlägen des Schicksals“, unter denen nach Frankls Meinung „das Leben Form und Gestalt gewinnt“ (Zitat), Sinn stiftend umzugehen, indem sie in ihnen Aufträge an den Leidenden erkennt, sozusagen die Chance, eine Stufe höher zu steigen. Frankl, selbst ein Konzentrationslager-Überlebender und somit bester Botschafter seiner Überzeugung, wird oft mit den Worten zitiert: „Wir müssen lernen, dass es eigentlich nie und nimmer darauf ankommt, was wir vom Leben noch zu erwarten haben, vielmehr lediglich darauf, was das Leben von uns erwartet.“ Ich bin zwar selbst keine ausgebildete Logotherapeutin, aber wie die meisten Therapeuten eine leidenschaftliche Eklektikerin, wann immer ein Gedanke meinen Weg kreuzt, den ich für hilfreich erachte. Und die Logotherapie bietet mir da Jagdgründe, in denen ich immer wieder gerne und ausgiebig wildern gehe.

Übrigens nicht nur aus beruflichem Interesse, sondern auch aus ganz persönlichem. Besonders gerne mag ich eine Geschichte von Elisabeth Lukas, in der sie von einer Frau berichtet, die ihren Mann verloren hatte und über diesen Verlust nicht hinwegkam. Im Gespräch wurde deutlich, was er für ein besonderer Mensch gewesen war, und wie sehr sie ihn vermisste, weil er ihr auch vieles abgenommen und sie vor vielem beschützt hatte, wie sie selbst sagte. Jetzt musste sie plötzlich alleine mit allem zurecht kommen, war ganz auf sich gestellt, und das fiel ihr schwer. Mit Hilfe von Lukas gelang es ihr jedoch, in dem Verlust ihres Mannes einen Auftrag zu entdecken: selbständiger zu werden, ein Stück weit nachzureifen und im Hinblick auf ihre Unabhängigkeit und Persönlichkeitsentfaltung eine Stufe höher zu steigen, als sie es bisher - unter den Fittichen ihres so besonderen und liebevollen Mannes - gekonnt hatte. Alleine stehen lernen als Lebensaufgabe sozusagen. Eine solche Erkenntnis nimmt natürlich nicht die Trauer darüber, dass der andere nicht mehr da ist, aber sobald es möglich wird, in dem schmerzlichen Geschehen einen Sinn für einen selbst zu erkennen, öffnet sich auch wieder eine Perspektive. Das Weitergehen wird möglich, und damit oft auch erst das Weiterleben im eigentlichen Sinne des Wortes.

Das ist natürlich die ganz hohe Kunst, selbst in solchen Ereignissen noch die Aufträge des Lebens an uns zu erkennen und (mehr noch!) anzunehmen. Und sozusagen der „Schwarze Gürtel“ in Persönlichkeitsentwicklung. Aber auch in kleineren Krisen des Daseins kann man oft Aufgabenstellungen sehen, an denen keiner von uns im Laufe der Zeit so ganz vorbei kommt. Ein anderes Stufenmodell der psychosozialen Entwicklung stammt von dem Psychoanalytiker Erik H. Erikson, und hier geht es um auf den ersten Blick ganz banale Lebensereignisse, gar nicht so sehr um die „Hammerschläge des Schicksals“, von denen Frankl sprach. Denn Erikson beschreibt das gesamte menschliche Leben als eine Abfolge von Konflikten, die von der Geburt bis zum Tod zu durchlaufen sind. Die Krisen sind in der Reihenfolge unumkehrbar, d. h. man muss die „unteren“ Stufen bewältigen, um auch die „oberen“ erfolgreich bearbeiten zu können. Bei unzureichender oder gar keiner Lösung des jeweiligen Konflikts entsteht Eriksons Meinung nach der Grundstein psychischer Probleme (z. B. neurotischer Störungen). Die acht Stufen seines Modells sind:

Vertrauen vs. Misstrauen (1. Lebensjahr): Hier entwickelt das Kind je nach den gemachten Erfahrungen Vertrauen in sich selbst und seine Umwelt - das viel zitierte „Urvertrauen“ - oder eben Misstrauen.
Autonomie vs. Scham und Zweifel (2. - 3. Lebensjahr): Das Kind beginnt sich als eigenständige Persönlichkeit zu begreifen und strebt nach Unabhängigkeit. Im Konflikt zwischen Wollen und Dürfen bzw. Können entsteht sein erstes Selbstbild.

Initiative vs. Schuldgefühl (4. - 5 Lebensjahr): Auf dieser Stufe entwickeln sich Gewissen und Moral - entweder in einem gesunden, angemessenen Maß, oder in einem übertriebenen, krankhaften bzw. zu geringem Maße.

Kompetenz vs. Minderwertigkeit (6. Lebensjahr - Pubertät): Wird das Kind hier mit zu hohen Erwartungen überfordert, entsteht ein Gefühl von Unzulänglichkeit und Minderwertigkeit. Passen Anforderungen und Können gut zusammen, bildet sich ein gesundes Selbstvertrauen heraus.

Identität vs. Identitätsdiffusion (Adoleszenz): Der Jugendliche formt sein Selbstbild weiter aus - im Idealfall so, dass es für ihn und die Gemeinschaft gut ist und er seine soziale Rolle finden kann.
Intimität vs. isolierung (frühes Erwachsenenalter): Die Aufgabe ist es jetzt, ein gewisses Maß an Intimität mit anderen zu erreichen, statt sich zu isolieren. Wird sie erfolgreich gemeistert, entsteht nach Erikson die Fähigkeit zur Liebe.

Generativität vs. Stagnation (mittleres Erwachsenenalter): In dieser Zeit geht es darum, etwas zu schaffen, etwas Neues entstehen zu lassen: das kann ein Kind sein, das man bekommt, aber auch jede Form der kreativen Leistung im Beruf oder soziales Engagement und Fürsorge für andere. Wer diese Stufe nicht bewältigt, kümmert sich nicht um andere als sich selbst (Frankl würde wahrscheinlich sagen: er transzendiert sich nicht über sich selbst hinaus).

Ich-Integrität vs. Verzweiflung (hohes Erwachsenenalter): Diese Stufe ist genauso schwierig, wie sie klingt: Rückblick ist angesagt, Bilanzziehung und das Frieden schließen mit dem eigenen Leben. Wem es gelingt, das von ihm Getane anzunehmen und die Endlichkeit allen Seins zu akzeptieren, hat die höchste Stufe der Weisheit erreicht und muss sich vor dem Tod nicht fürchten. Wer aber im Hader zurückblickt und gern alles noch einmal und ganz anders machen würde, wer der Auseinandersetzung mit Alter und Tod ausweicht, der verzweifelt an dieser Stufe.

Zwei Therapierichtungen - zwei Stufenmodelle des Menschseins. Mir gefallen beide gut, jedes auf seine Weise kann hilfreich sein, wenn man merkt, dass man selbst in einer Krise „festhängt“. Auf Frankl greife ich gerne zurück, wenn die Krise aus dem „Außen“ kommt, wenn die Person also irgendwie das Gefühl hat, dass das Schicksal es nicht gut mit ihr gemeint hat, an Erikson denke ich oft, wenn es um die „normalen“ Herausforderungen des Lebens geht, die alle Menschen irgendwann bewältigen müssen. Auf der Suche nach unserer Identität sind wir alle früher oder später mal (gewesen), aber nicht alle müssen auch noch mit mehr oder weniger traumatischen Erlebnissen zurecht kommen (zum Glück!). In jedem Fall mag ich den Gedanken der ständigen Weiterentwicklung der Persönlichkeit im Laufe eines Lebens, und auch die Stufen sind mir als Bild dafür lieber als eine glatte Linie. Vielleicht hast du selbst ja auch schon mal das Gefühl gehabt, in irgendeiner Weise einen „Sprung“ gemacht zu haben - in Therapien erlebe ich es auf jeden Fall immer wieder, dass die Sache nicht gleichmäßig dahinplätschert, sondern oft ganz plötzlich ein neues Stadium erreicht zu sein scheint. Und an der Sache mit den Stolpersteinen ist halt auch noch was dran ...

Abschließend zu meinen ganzen Stufen-Weisheiten heute noch ein Gedicht von Hermann Hesse für dich, das zu meinen Lieblingsgedichten zählt. Wahrscheinlich, weil er Stufen für genauso wichtig gehalten hat wie ich! Vielleicht kann es dich ja auch trösten, wenn du mal wieder verzweifelt mit einer Stufe ringst ...

Stufen

Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.

Es muss das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In andre, neue Bindungen zu geben.

Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.

Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
An keinem wie an einer Heimat hängen,
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
Er will uns Stuf' um Stufe heben, weiten.

Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen,
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.

Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegensenden,
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden ...
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!

Hermann Hesse in: "Das Glasperlenspiel"

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