Online-Affären gefährden Beziehungen

Pornoseiten sind nicht die einzigen Websites, die via Internet heutzutage in reale Beziehungen hineinfunken. Auch andere Online-Angebote stricken fleißig mit an der Illusion einer maximalen Verfügbarkeit einer unendlichen Menge alternativer Partner — und untergraben damit heimlich, still und leise die reale Beziehung. Flirtbörsen, Chatrooms, Newsgroups, Online-Rollenspiele, Social Networks — wo man hinschaut, überall Alternativen zum heimischen Blümchensex. Nie war es so einfach, gleichzeitig die Sicherheit einer realen Beziehung und den Kitzel von Flirt und Seitensprung zu erleben. Eine verlockende Möglichkeit, dem täglichen Alltagsstress eine lange Nase zu drehen! Mein Partner interessiert sich mehr für die Champions-League-Chancen von Bayern München als für mich und hat mal wieder vergessen, Sprudel mitzubringen? Mal sehen, ob es auf wer-kennt-wen.de nicht willigere Gesprächspartner zu finden gibt … Meine Partnerin nörgelt ständig an mir herum und hat selten Lust auf Sex? Ich könnte mich ja mal auf iLove.de registrieren, nur so zum Spaß, nur um zu sehen, wie meine Chancen stehen …

Der Reiz des Ganzen liegt — Forschern zufolge — vor allem in drei Aspekten der Cyberaffäre. Den ersten beiden — Anonymität und Bequemlichkeit — sind wir schon beim Thema Online-Pornographie begegnet. Auch bei der Cyberaffäre bewegt sich der Nutzer im Schutz einer virtuellen Identität, muss nur das von sich preisgeben, was er möchte und kann mit einem Klick wieder „verschwinden“, wenn ihm die Sache ungemütlich wird. In der realen Welt hinterlässt der Online-Seitensprung keine Spuren — die Gefahr, dass der Betrug auffliegt, ist also geringer. Und ebenso wie beim Konsum von Pornographie ist es nicht einmal mehr notwendig, das Haus zu verlassen, um virtuell fremdzugehen. Die Grenzen von Raum und Zeit sind aufgehoben. Eine heimliche Affäre zwischen einem Hamburger und einer Münchnerin wäre im wirklichen Leben mit einem ungeheuren logistischen Aufwand verbunden — nicht so im virtuellen Raum.

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Aber vor allem der dritte Aspekt ist für unser Thema interessant: Studien haben nämlich gezeigt, dass es nicht oder nicht in erster Linie die sexuelle Befriedigung ist, die eine Cyberaffäre für die meisten Nutzer so unwiderstehlich macht. Vielmehr erzeugt der virtuelle Seitensprung vor allem ein Hochgefühl, das eine emotionale und mentale Ausbruchsmöglichkeit aus der Realität darstellt — fast vergleichbar einem durch Drogen erzeugten Rausch. Statt mich mit der drögen Wirklichkeit meiner Beziehung und potenziell lästigen Konflikten auseinanderzusetzen, flüchte ich in eine Fantasiewelt, in der ich die maximale Kontrolle über das (lustvolle) Geschehen habe. Das hat natürlich hohes Suchtpotenzial! Ein Klick, und meine langweilige, anstrengende Alltags-Beziehung liegt hinter und eine aufregende virtuelle Welt voller unzähliger Möglichkeiten (und Flirtchancen) vor mir. Nur mal schnell googeln, was aus dem Ex-Freund geworden ist, mit dem man damals zu Studienzeiten eine so leidenschaftliche Beziehung hatte … Ein bisschen heißes Cybersex-Geplänkel zum Entspannen nach einem anstrengenden Arbeitstag, da ist doch nichts dabei … Oder vielleicht sogar eine ganz neue virtuelle Identität annehmen und in dieser mal all das tun, was man sich im wirklichen Leben nie trauen würde? Clevere Internet-Betreiber wie Yahoo bieten in den USA deshalb sogar schon Plattformen speziell für Verheiratete an, die ein bisschen Prickeln nebenbei suchen (z. B. marriedandflirtingchat.com).

Die „kleinen Fluchten“ aus dem Alltag und der realen Partnerschaft mögen auf den ersten Blick harmlos wirken, sind es aber keineswegs. Zahlreiche Untersuchungen belegen mittlerweile, dass virtuelle Untreue von den Betrogenen fast genauso wahrgenommen wird wie reale. Sie löst die gleichen Gefühle aus wie ein echter Seitensprung: Verletztheit, Zorn, Demütigung und niedriges Selbstwertgefühl. Eine australische Studie ergab 2003, dass ein Online-Seitensprung den Partner tiefer trifft als das Anschauen von Pornos. Die Erkenntnis, dass der eigene Partner einen anderen Menschen als einen selbst begehrt, löst tiefe Verunsicherung aus. Gleichzeitig wirkt ein solcher Akt der virtuellen Untreue auch deshalb noch bedrohlicher als der Konsum von Pornographie, weil das Gegenüber „realer“ und damit auch als Person greifbarer wirkt als ein anonymer Pornodarsteller. Folgerichtig zerbrach 2009 medienwirksam die Beziehung eines britischen Paares an einem virtuellen Seitensprung: Lisa erwischte ihren Freund John — im Computerspiel „Second Life“ unter dem Nickname „Troy Hammerthall“ unterwegs — dabei, wie er seinen Avatar Sex mit einem Mann haben ließ. Johns Beteuerungen, das Ganze sei doch nicht echt und nur ein Spiel, nützten ihm nichts. Lisa beendete die Beziehung — zu kränkend war die Frage für sie, warum John lieber virtuellen Sex mit einem Mann hatte als echten Sex mit ihr. Wie viele Beziehungen im stillen Kämmerlein ohne mediale Beteiligung an solchen oder ähnlichen Vorkommnissen scheitern, kann man nur vermuten — gesicherte Statistiken gibt es dazu bisher keine. Paartherapeuten weltweit berichten jedenfalls über einen dramatisch wachsende Präsenz der Thematik.

Ohne Zweifel ist im Moment für uns erst die Spitze des Eisbergs erkennbar. So schlug Mark Keenan, Geschäftsführer von „Divorce-Online“, einem Infoportal zum Thema Scheidungen, schon im Dezember 2009 Alarm: In jeder fünften Scheidung in Großbritannien wurde damals bereits ein ausufernder Facebook-Flirt als Trennungsgrund genannt — Tendenz steigend. "Die gängigste Ursache scheinen Leute zu sein, die unangemessen über Sex mit Leuten chatten, mit denen sie es eigentlich nicht tun sollten", erklärte Keenan damals gegenüber der Zeitung „Daily Telegraph“. Andere Länder ziehen nach. 2011 erklärte ein Spitzenanwalt, auch in Österreich spielten Facebook und Konsorten bereits bei jeder 10. Scheidung eine Rolle — will heißen: bei 1.900 Scheidungen jährlich. Vor allem der Versuchung, nach alten Flammen oder der ersten Liebe zu suchen, wenn es zu Hause mal nicht so läuft, wie man das gern hätte, können die wenigsten widerstehen. Die „was wäre gewesen, wenn …?“-Frage ist für viele dann der Einstieg in eine zuerst virtuell fantasierte, und oft genug später auch real umgesetzte Bettgeschichte mit derselben. Einen Hinweis darauf, dass die Dunkelziffer in dieser Angelegenheit enorm zu wachsen scheint, liefert auch die Tatsache, dass sich daraus bereits ein lukratives Geschäftsmodell entwickelt hat: Es existieren nämlich spezialisierte Computerfirmen, die ihr Geld mit dem Knacken des Passwortes eines Facebook- (oder anderen sozialen Netzwerks)-Accounts verdienen! Auftraggeber sind in den meisten Fällen misstrauisch gewordene Partner, die den oder die Liebste heimlicher amouröser Aktivitäten auf diesen Plattformen überführen wollen …

Cyberaffären sind eine oft unterschätzte Gefahr für Beziehungen — die Standard-Entschuldigung der Ertappten ist die des bereits zitierten unglücklichen John: „Ist doch nicht wirklich was passiert!“ Das stimmt natürlich nicht. Mag auch in der Realität vielleicht kein (physischer) Betrug stattgefunden haben; ein virtueller Betrug verursacht einer Partnerschaft manchmal sogar die unter dem Strich höheren Kosten. Menschen, die in eine Cyberaffäre verwickelt sind, beginnen sich von ihrem realen Partner mehr und mehr zurückzuziehen. Sie sind emotional distanziert, desinteressiert und weniger bereit, in die Beziehung zu investieren. Ihr Engagement im Alltag sinkt, sie verbringen mehr und mehr Stunden online und haben immer weniger Energie und Zeit für den Partner und/oder ihre häuslichen Pflichten. Auf Nachfragen oder Vorwürfe reagieren sie abweisend oder aggressiv und mit noch weiterem Rückzug. Heimlichkeiten und Lügen bestimmen mehr und mehr die Kommunikation mit dem Partner. All die Zuwendung, Wärme, Leidenschaft und Intimität, die sie ihrem virtuellen Gegenüber zukommen lassen, enthalten sie ihrem realen Partner vor. Viele der in Studien Befragten gaben an, dass sie die Dinge, die sie wirklich bewegten, nach einiger Zeit häufiger und lieber mit ihrem Online- als mit ihrem realen Partner besprachen. „Emotional Cheating“ (emotionaler Betrug) ist der Begriff, den amerikanische Wissenschaftler für dieses Verhalten geprägt haben. Dies alles bleibt nicht folgenlos für die Beziehung, selbst wenn es nicht zu einem „echten“ Betrug kommt. Heather Underwood und Bruce Findlay von der Swinburne University in Australien kamen 2004 in einer entsprechenden Untersuchung zu dem Ergebnis, dass der weit überwiegende Teil derjenigen Menschen, die eine Online-Affäre unterhielten, diese als sehr viel befriedigender als ihre reale Beziehung erlebten: weniger eingefahren, sexuell und emotional erfüllender. Die meisten der Befragten stritten zwar ab, dass ihre virtuelle Beziehung eine Gefahr für ihre reale darstellen könnte, doch darf an der Objektivität dieser Einschätzung sicher einiger Zweifel bestehen.

Gelegentlich ist eine Online-Affäre in der Tat auch nur das Vorspiel zu einem realen Seitensprung. Umfragen zufolge passiert dies am häufigsten, wenn der virtuelle Flirt dem Aufwärmen einer früheren Liebesbeziehung dient. Aber auch in anderen Fällen kann aus dem Geplänkel im Netz irgendwann das Bedürfnis erwachsen, den Worten Taten folgen zu lassen. Und selbstverständlich haben auch hier findige Geschäftsleute längst einen lukrativen Markt entdeckt, den es zu bedienen gilt: Seitensprung-Agenturen im Internet nämlich. Auf Websiten wie C-Date.de, meet2cheat.de oder lovepoint.de bekommen Suchende diskret national und international Kandidaten für das schnelle Abenteuer nebenbei vermittelt — selbstverständlich gegen eine saftige Gebühr! C-Date beispielsweise brüstet sich aktuell mit 225.000 zahlenden Mitgliedern, die anderen beiden folgen mit immerhin noch 180.000 bzw. 140.000 Seitensprung-Willigen. Tja, das sind doch allemal ein paar mehr Optionen, als wie anno dazumal geduldig darauf zu warten, dass der Postmann zweimal klingelt, oder? Und dann darf man auch noch die eigenen erotischen Vorlieben detailliert angeben, um „passgenaue“ Kandidaten vorgeschlagen zu bekommen! Ein Traum, oder? Zumal nützliche Tipps dafür, wie man das außereheliche Vergnügen am besten geheim hält, gleich frei Haus mitgeliefert werden — beispielsweise: „Speichern Sie die Nummer Ihres Seitensprungs im Handy nie unter seinem Namen, sondern immer unter unverfänglichen Bezeichnungen wie ADAC oder D1-Service!“ — „Halten Sie sich immer an die Verkehrsregeln, damit Sie nicht gemeinsam mit Ihrem Seitensprung geblitzt werden!“ — „Sprechen Sie Ihren Seitensprung so selten wie möglich mit dem Vornamen an, damit Ihnen beim Sex mit Ihrem festen Partner nicht versehentlich der falsche Name herausrutscht!“

Sie zögern immer noch? Okay, dann klicken Sie eben noch auf www.alibi-profi.de, permanentes-alibi.de oder world-of-alibi.de! Da finden Sie dann zum guten Schluss die Profis, die ihr Geld damit verdienen, Ihnen während Ihres Seitensprungs den Rücken freizuhalten. Für läppische 99,- € schicken die Ihnen dann z. B. eine Einladung „mit offiziellem Erscheinungsbild“ als Bestätigung dafür, dass Sie ganz dringend einen Termin wahrnehmen müssen. Die können Sie dann unauffällig daheim rumliegen lassen, damit Ihr Partner auf keine dummen Gedanken kommt. Das Sahnehäubchen: Da steht auch eine Telefonnummer drauf, die Ihr Partner — falls er Sie dringend erreichen muss — in dieser Zeit anrufen kann. Eine freundliche „Sekretärin“ informiert ihn dann, dass sie Sie erst suchen muss und Sie gleich zurückrufen werden … Für den gleichen Preis können Sie gefahrlos Ihr Liebesnest buchen: Hotelbuchungen laufen dann nicht auf Ihren Namen, sondern auf die Postanschrift der Agentur; und wenn Sie im Liebestaumel Ihren Kulturbeutel in dem Etablissement vergessen, wird auch der Ihnen diskret via Agentur zugestellt. Falls Geld bei Ihnen keine Rolle spielt und Sie die maximale Freiheit wollen, können Sie auch einfach offizielles Mitglied eines Clubs Ihrer Wahl werden. Ab dann können Sie jederzeit vorgeben, unbedingt auf ein Clubtreffen zu müssen. Mitgliedskarte, VIP-Einladungen und regelmäßiger Infobrief des Clubs zur Unterstreichung der Glaubwürdigkeit sind natürlich inklusive. Kostet Sie monatlich nur 349,- €, der Spaß. Und vielleicht irgendwann doch Ihre Beziehung. Aber das sind nun mal so die Risiken des WorldWideWeb …

Der Text ist ein Auszug aus meinem aktuellen Buch „Fremdenverkehr - Warum wir so viel über Sex reden und trotzdem keinen mehr haben“

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