Internet-Pornographie - Beziehungskiller aus dem Netz

Als 1969 erstmals der Vorläufer des Internets, das so genannte ARPANET zur Vernetzung von Universitäten und Forschungseinrichtungen eingesetzt wurde, ahnte wohl niemand, dass damit eine Entwicklung ihren Anfang nahm, die schließlich auch auf Liebesbeziehungen rund um den Globus entscheidend Einfluss nehmen würde. 1990 beschloss die US-amerikanische National Science Foundation, das Internet für kommerzielle Zwecke nutzbar zu machen. Von diesem Zeitpunkt an wurde es für die Öffentlichkeit zugänglich — eine Entwicklung, die durch die Marktreife des ersten grafikfähigen Webbrowsers rasant beschleunigt wurde. In der Folge explodierten die kommerziellen Angebote in dem neuen Medium ebenso wie dessen Nutzerzahlen. Die digitale Revolution war in vollem Gange. Seit dem Jahr 2000 machte die zunehmende Verbreitung von Breitbandanschlüssen mit hoher Datenübertragungsrate das Netz auch für die Übermittlung von Filmdateien interessant … und was für Filmdateien!

2003 − 2009 feierte das Musical „Avenue Q“ am Broadway Erfolge. Ein populärer Songtitel daraus lautet: „The Internet is for Porn“. Dieses lapidare Statement fasst leider treffend zusammen, wohin sich die ursprünglich für Wissenschaft und Forschung gedachte Einrichtung bis heute weiterentwickelt hat. „Sex“ und „Porno“ sind Jahr für Jahr die Begriffe, die in Suchmaschinen am häufigsten eingetippt werden. (Aus gutem Grund klammert Google deshalb diese und verwandte Worte aus, bevor die offizielle Statistik an die Medien gegeben wird.) Die schiere Menge an Pornoseiten im Internet und die Umsätze, die damit erzielt werden, verschlagen einem den Atem: Gab es 1997 noch etwa 900 pornographische Websites, hatte sich die Zahl bis 2010 auf knapp 25.000 erhöht. 12 % aller derzeit existierenden Webseiten sind Pornoseiten. Bereits in den späten 90er Jahren des letzten Jahrhunderts wurden mit Cyberpornographie 700 Millionen US-Dollar jährlich erwirtschaftet — mittlerweile, schätzen Statistiker, sind es rund 4,9 Milliarden (!) US-Dollar pro Jahr. Den Löwenanteil der Nutzer stellen Männer. Einer Gewis-Umfrage von 2011 zufolge klicken sie siebenmal häufiger auf pornographische Online-Inhalte als Frauen. Vor allem Männer zwischen 18 und 24 Jahren sind hier aktiv, wie eine Studie der US-Internetseite Online MBA ergab. 70 % von ihnen geben an, mindestens einmal im Monat auf entsprechenden Seiten unterwegs zu sein; 20 % von ihnen nutzen diese auch am Arbeitsplatz gelegentlich. Pro Sekunde sind der Untersuchung zufolge 28.258 Menschen mit dem Konsum von Internetpornographie beschäftigt. Der allgemeine Lieblingstag dafür ist übrigens der Sonntag.

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Den durchschlagenden Erfolg der Cyberpornographie führen Experten meist auf die „drei A“ zurück: accessability, affordability, anonymity — einfacher, kostengünstiger und anonymer Zugang. Das pornographische Material wurde durch das Internet plötzlich für jedermann leicht erhältlich — man(n) muss dafür nicht einmal mehr das Haus verlassen, sondern hat vom heimischen Computer jederzeit rund um die Uhr bequemen Zugriff darauf. Gleichzeitig wurde Pornographie billiger — obgleich die Branche insgesamt solch schwindelerregenden Umsätze erzielt, sind viele der pornographischen Inhalte im Netz auch heute noch sogar ganz kostenfrei. Und natürlich war der Zugang mit einem Mal völlig anonym möglich — vorbei die Zeiten, als man(n) sich schamrot mit dem Schmuddelheft unter dem Arm in der Kioskschlange einreihen oder in der Videothek in den mit dem Vorhang abgeteilten Bereich schlüpfen musste, immer in der Hoffnung, nicht gerade jetzt einem Bekannten über den Weg zu laufen. Damit entfielen drei wesentliche Hemmschwellen, die den Konsum von Pornographie bis dahin zumindest etwas gebremst hatten. Für die Deutschen offenbar eine unwiderstehliche Verlockung: Einer Umfrage der Universität von Padua zufolge sind sie mit 34,5 % international Spitzenreiter, was den Besuch von Pornoseiten im Web angeht. Auf Platz 2 liegen die Franzosen, gefolgt von den Spaniern und Italienern.

Mit den Problemen, die regelmäßiger Konsum pornographischen Materials in realen Beziehungen verursachen kann, haben viele Paartherapeuten im letzten Jahrzehnt vermehrt zu kämpfen: überzogene Erwartungen (an sich, an den Partner und den Sex als solchen), Frustration angesichts (vermeintlicher oder tatsächlicher) eigener körperlicher Mängel und/oder nicht „ausreichender“ Leistungsfähigkeit, ein unrealistisches Frauen- und Männerbild (allzeit bereit!) und eine zunehmende Unfähigkeit und/oder Unwilligkeit, sich auf die Bedürfnisse eines realen Partners wirklich einzustellen. Wer regelmäßig Pornographie konsumiert, erhöht dadurch auch kontinuierlich die Reizschwelle für seine Erregung. „Normaler“ Sex, noch dazu mit einem/einer bekannten PartnerIn, kann da bald nicht mehr mithalten. Ein fortschreitender Libido- bzw. Potenzverlust stellt sich ein und führt in einen Teufelskreis: Weil der Alltags-Sex keine oder nicht genug Befriedigung bringt, wird vermehrt auf immer härtere Pornographie zurückgegriffen, was natürlich den realen Sex innerhalb der Partnerschaft noch weniger reizvoll erscheinen lässt. In einer aktuellen Studie der Universität von Padua befragten Wissenschaftler rund 28.000 Italiener. Dabei stellten sie fest, dass 70 % der jungen Männer unter 25 Jahren, die wegen Potenzproblemen oder sexueller Lustlosigkeit den Arzt aufsuchten, regelmäßig Pornoseiten im Internet besuchten. Sogar bei Männern im besten Mannesalter (was sexuelle Potenz und Ausdauer angeht) stumpft also der wiederholte Reiz durch Pornos die Libido ab. „Sexuelle Anorexie“ tauften die Forscher dieses beunruhigende Phänomen.

Pornographie und Masturbation bieten sich auch zunehmend als bequeme, schnelle Alternative zum Sex mit einem vielleicht anspruchsvollen oder unlustigen Partner an. Der Hamburger Sexualwissenschaftler Gunter Schmidt schildert den Fall eines jungen Mannes, der zwar keine Lust mehr hatte, mit seiner Freundin zu schlafen, aber sehr regelmäßig masturbierte: „Da kann ich anfangen, wann ich will, kommen, wann ich will, aufhören, wann ich will; ich brauche keine Präliminarien, keine romantische Beleuchtung, keine Zärtlichkeiten hauchen; nicht erspüren, was sie vielleicht will, nicht hinterher darüber diskutieren, wie es war; kann einschlafen, wann ich will.“ Beziehungsarbeit? Ach nee ….

Speziell Frauen, deren Partner mehr oder weniger regelmäßig auf Pornoseiten unterwegs sind, fühlen sich häufig verunsichert und einem Vergleich ausgesetzt, dem sie nicht genügen können. Eine Studie von 1994 erbrachte übrigens den Beweis, dass diese Gefühle nicht ganz unberechtigt sind: Die Versuchsleiter baten Männer, sich zunächst Aktfotografien von entweder sehr attraktiven oder von durchschnittlich attraktiven Frauen anzusehen. Im Anschluss daran sollten sie ihre real existierende Beziehung bewerten. Die Männer, die die sehr attraktiven Frauen betrachtet hatten, bewerteten ihre echten Partnerinnen im Schnitt als weniger attraktiv, sich selbst als weniger zufrieden mit ihrer Beziehung und als weniger eng an ihre Partnerin gebunden. Bei den Männern, die nur durchschnittlich attraktive Fotos gezeigt bekamen, trat dieser Effekt nicht auf.

Aber auch auf Frauen bleibt die Bilderflut nicht ohne Wirkung: „Frauen sehen sich in Konkurrenz mit anderen Frauen, um die Bilder zu verkörpern, die sie täglich sehen — Bilder, von denen sie annehmen, dass sie den Wunschvorstellungen der Männer entsprechen,“ schreibt der Psychologe David Buss in seinem Buch „Evolutionäre Psychologie“. „Die noch nie da gewesenen Raten von Anorexia nervosa und Schönheitsoperationen mögen ihre Ursachen teilweise in diesen Bildern haben. Die Bilder beuten die existierenden Schönheitsmaßstäbe der Männer und die konkurrierenden Partnermechanismen der Frauen in einem noch nie da gewesenen und ungesunden Maße aus.“ Angesichts der omnipräsenten Verfügbarkeit pornographischer Detailaufnahmen wird nicht nur der Körper allgemein, sondern selbst seine intimsten Zonen unbarmherzig zum Vergleichs- und Konkurrenzobjekt. Es entstehen plötzlich neue Schönheitsideale auch für diesen Bereich. Der britische Gesundheitsdienst (eine der wenigen Institutionen, die über solche Zahlen Buch führen) meldete denn auch prompt eine Versechsfachung der Schamlippenkorrekturen in den Jahren 2004/05 gegenüber 1998/99. Auch andere chirurgische Eingriffe in den weiblichen Intimbereich, (z. B. die Verengung der Vagina oder die Verdickung des G-Punkts durch Eigenfett-Injektionen, die Verkleinerung oder Aufpolsterung des Schamhügels oder die Entfernung der Klitorisvorhaut) liegen im Trend. Von Männern werden ebenfalls immer häufiger Penisvergrößerungen mit chirurgischen oder anderen Mitteln in Anspruch genommen. Nicht zu vergessen das bei Vertretern beider Geschlechter in den USA ebenfalls zunehmend beliebte „anal bleaching“. Mit Hilfe starker Bleichmittel wird dabei die Pigmentierung der Analrosette aufgehellt. Neben all dem wirkt die Mode, sich die Schamhaare zu rasieren, die ebenfalls erst in den letzten Jahren aus der Pornokultur in den Alltag herüber geschwappt ist, noch vergleichsweise harmlos, oder?

Der Text ist ein Auszug aus meinem aktuellen Buch „Fremdenverkehr - Warum wir so viel über Sex reden und trotzdem keinen mehr haben“

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