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Die Seele frei lachen - Ein etwas anderes Buch zum Thema Depression

Im Urlaub habe ich ein wirklich schönes Buch ("Eine echt verrückte Story" von Ned Vizzini) um Thema Depressionen in die Finger bekommen und innerhalb eines Tages nahezu gefressen - ich konnte und wollte es nicht mehr weglegen. Klingt ziemlich krank, oder? Liest im Urlaub auch noch Zeugs über Depressionen ... aber du wirst es nicht glauben, ich habe bei der Lektüre vor allem eins getan: gelacht! Und das bei einem Buch über dieses Thema; ich hätte nicht gedacht, dass das geht!

Der Ich-Erzähler heißt Craig Gillner, ist fünfzehn und hat hohe Ansprüche an sich und sein künftiges Leben: „Ich geb‘s zu: irgendwie möchte ich schon Präsident werden.“ Und wie wird man das? Klar: durch jede Menge Anstrengung und strikte Befolgung der gesellschaftlichen Erwartungshaltungen. Man bewirbt sich an einer Elite-Highschool, die nur die 800 besten Studenten der Welt ausbildet. Anschließend geht man an die Harvard University und studiert Jura. Und dann steht einer goldenen Zukunft mit jeder Menge Anerkennung, Status und Geld nichts mehr im Wege, davon ist Craig überzeugt. Also büffelt er wie ein Verrückter für den Aufnahmetest. Er kauft sich nicht ein, sondern alle dreizehn Übungsbücher, die es zur Vorbereitung auf diesen Test gibt, investiert täglich drei Stunden Lernzeit, schleift seine Lernkärtchen sogar in die Cafeteria zum Mittagessen mit, und besorgt sich auch noch eine persönliche Tutorin, die ihn coachen soll. Seine Rechnung geht auf - von den 800 möglichen Punkten beim Aufnahmetest erzielt er 800 und beginnt seine Ausbildung an der Executive Pre-Professional High School. Leider geht‘s von da an mit ihm bergab, denn er merkt schnell, dass die Anforderungen im täglichen Schulalltag immens hoch und kaum bis gar nicht mit seinen eigentlichen Interessen kompatibel sind: „Im ersten Semester hatte ich einen Kurs, der sich Einführung in die Wall Street nannte und für den ich zusätzlich zur Lektüreliste jeden Tag die ‚New York Times‘ und das ‚Wall Street Journal‘ lesen musste. Ich sollte ein Portfolio mit Artikeln zu aktuellen Ereignissen und ihrem Einfluss auf Aktienkurse anlegen und dazu Hintergrundinformationen zusammentragen. Das Internet durfte ich dafür aber nicht benutzen; der Lehrer hielt mich an, in die Bibliothek zu gehen, was ungefähr so ist, als wollte man die Verfassung der Vereinigten Staaten von einer Briefmarke lesen. Als ich damit zwei Wochen in Verzug geriet, musste ich außerdem noch die Zeitungen von diesen zwei Wochen nacharbeiten. Die Zeitungen waren so lang, unglaublich, wie viele Nachrichten es jeden Tag gab. (..) In meinem Zimmer stapelte sich das Papier, und jeden Tag sah ich es mir an, wenn ich nach Hause kam, und wusste, dass ich es bewältigen konnte, dass ich, wenn ich die erste aufschlug, alle würde durchsehen und die Aufgabe erledigen können. Stattdessen legte ich mich aufs Bett und wartete darauf, dass Aaron anrief.“

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Zusätzlich zu den konkreten schulischen Anforderungen werden auch noch außerschulische Aktivitäten wie Sport oder ehrenamtliches Engagement von ihm erwartet, wie er glaubt, weil sich die im Lebenslauf später bei Bewerbungen gut machen. Craig merkt schnell, dass ihm das alles zu viel ist und überhaupt keinen Spaß macht, aber er ist nach wie vor überzeugt, es irgendwie schaffen zu müssen, weil er sich sonst seine Zukunft verbaut. Also quält er sich weiter. Er hört auf zu essen; wenn er überhaupt noch etwas herunter bekommt, übergibt er sich anschließend; er bekommt Schlafstörungen. Er kann sich kaum noch konzentrieren, hat an nichts mehr Spaß und kann sich zu keiner der Aktivitäten mehr aufraffen, die ihm vorher Freude bereitet haben - alles klassische Depressions-Symptome. Dabei sind seine Ergebnisse gut - er bekommt 93 von 100 Punkten, aber das genügt seiner Auffassung nach nicht, um es im Leben zu etwas zu bringen. Als er bereits fest entschlossen ist, von der Brooklyn Bridge zu springen, um der Sache ein Ende zu bereiten, entscheidet er sich im letzten Moment um und geht in die Psychiatrie.

Ganz wunderbar finde ich die Stellen, in denen Craigs Art, über die Welt und sich selbst zu denken, deutlich werden - jedes Mal ein ebenso humorvoller wie tragischer Blick in die Mechanismen, mit denen Menschen sich in Denkmustern verstricken, die einen idealen Nährboden für Depressionen bilden. Denn seine Gedanken sind hervorragend dazu geeignet, immensen Druck in ihm selbst zu erzeugen, ihm jeden Lebensmut zu nehmen und seinen Selbstwert zügig gegen minus acht zu fahren. Einmal unterhält sich Craig darüber mit seinem Psychiater: „Wenn ich von der Schule nach Hause komme, weiß ich, ich muss diese ganze Arbeit machen, aber dann fängt in meinem Kopf das Karussell an. Dann gehen mir immer wieder dieselben Gedanken durch den Kopf. Immer im Kreis, sie überschlagen sich richtig.“ - „Gedanken an Selbstmord?“ - „Nein, bloß an das, was ich alles zu tun habe. Die Hausaufgaben. Fällt mir eine ein, die ich aufhab, und ich schau sie mir an und denke: ‚Das werde ich nicht schaffen.‘ Und danach verschwindet sie wieder und die nächste fällt mir ein. Und als Nächstes denke ich dann: ‚Du müsstest außerschulisch noch mehr tun‘, denn das sollte ich wirklich, auf dem Gebiet tu ich nicht annähernd genug, und danach tritt das wieder zurück und stattdessen kommt die größte Frage: ‚An welches College wirst du gehen, Craig?‘ Und diese Frage ist dann echt der Untergang, denn an ein gutes werde ich mit Sicherheit nicht kommen.“ - „Welches wäre denn ein gutes?“ - „Harvard. Yale. Oder so.“ - „Aha. (..) Haben Sie Schlafstörungen?“ - „Nicht immer. Wenn aber doch, dann ist es schlimm. Ich liege da und denke, alles, was ich bisher gemacht habe, war vergebens, ist Tod und Verderben, und ich ende bestimmt mal als Obdachloser, weil ich es nie schaffen werde, einen Job zu behalten, wenn die andern alle so viel klüger sind.“ - „Aber das sind doch nicht alle, Craig, oder? Es müssen doch auch welche weniger klug sein als Sie.“ - „Ja, aber um die brauch ich mir keine Gedanken zu machen! Aber so viele sind klüger und die werden überall auf mir rumtrampeln. (..) Es geht darum, ein vernünftiges Leben zu führen. Und ich glaube nicht, dass ich eins haben werden.“ - „Ein vernünftiges Leben.“ - „Ja, genau, mit einem richtigen Job und einem richtigen Haus und allem.“ - „Und einer Familie?“ - „Natürlich. Das gehört doch dazu. Was soll denn das für ein Erfolg sein - ohne Familie?“ - „Hm-hm.“ - „Und um das alles zu kriegen, muss ich jetzt die Weichen stellen, aber ich kann nicht, weil mir dauernd dieser Mist im Kopf rumgeht. Ich weiß ja, dass die Gedanken auf meinem Karussell sinnlos sind und denke: ‚Hör auf!‘“ - „Aber Sie können nicht aufhören.“ - „Ich kann nicht aufhören.“
Wenn du zufällig mal meinen Blog zum Thema Selbstvertrauen gelesen hast, erkennst du sicher schnell eine ganze Menge von Craigs Gedanken als Beispiele für verzerrtes Denken wieder, z. B. das Alles-oder-Nichts-Denken, Übertreibung, übertriebene Verallgemeinerungen usw. Und wenn du dich da mal für eine Sekunde so richtig mit reinfallen lässt, kannst du dir bestimmt vorstellen, was diese Denkweise auf Dauer in der Seele eines Menschen anrichtet. Craig nennt das seine „Tentakel“ - ein hübsches Bild, finde ich: Tentakel sind für ihn all die Dinge und Aufgaben, die in sein Leben eingreifen und es negativ beeinflussen, weil sie so zahlreich sind und sich in seinem Kopf immer weiter verzweigen, bis er das Gefühl hat, sie erwürgen seinen Lebenswillen und lähmen ihn völlig, so dass er es nicht mal mehr schafft, aufzustehen. Und selbst das gehört dann noch zu den Tentakeln: „Zum Beispiel letzte Woche die Stunde in amerikanischer Geschichte, in der ich einen Aufsatz über die Waffen im Unabhängigkeitskrieg schreiben sollte, wodurch ich genötigt war, zum Metropolitan Museum zu fahren und mich über einige der alten Waffen zu informieren, wodurch ich genötigt war, mit der U-Bahn zu fahren, wodurch ich genötigt war, eine Dreiviertelstunde ohne Handy und E-Mail auszukommen, was zur Folge hatte, dass ich nicht auf eine Rundmail meines Lehrers antworten konnte, der wissen wollte, wer Zusatzpunkte brauchte, was zur Folge hatte, dass andere sich die Zusatzpunkte schnappten, was zur Folge haben würde, dass ich keine 98 Punkte für den Kurs bekäme, was zur Folge haben würde, dass ich nicht mal annähernd einen Durchschnitt von 98,6 erreichen würde, (..) was zur Folge haben würde, dass ich an kein gutes College käme, was zur Folge haben würde, dass ich keinen guten Job fände, was zur Folge haben würde, dass ich keine Krankenversicherung dabei hätte, was zur Folge haben würde, dass ich Unsummen für die Seelenklempner und Medikamente würde bezahlen müssen, die ich mit meinem Kopf brauchte, was zur Folge haben würde, dass ich nicht genug Geld hätte, um ein gutes Leben zu finanzieren, was zur Folge haben würde, dass ich mich schämte, was zur Folge haben würde, dass ich depressiv würde. Und das war der Oberhammer, denn ich wusste ja, was das bei mir bewirkte: Ich würde nicht aus dem Bett aufstehen, und dann käme es zum Allerschlimmsten - ich würde obdachlos werden. Wenn man lange genug nicht aus dem Bett kommt, kommen welche und nehmen einem das Bett weg.“
Aber Craig hat Glück. In der Psychiatrie trifft er eine Menge sehr seltsamer Menschen - Muqtada, einen ägyptischen Lehrer, der sich weigert, sein Bett zu verlassen, Noelle, ein Mädchen in seinem Alter, das sich das Gesicht zerschnitten hat, den selbst ernannten Präsidenten Armelio und noch einige andere, die sein Leben und seine Blickwinkel zu verändern beginnen. Auch mit seiner Therapeutin - Dr. Minerva - hat er Glück, denn sie stellt an den richtigen Stellen die richtigen Fragen; z. B. die danach, was er als Kind gern getan hat. Craig lernt, dass es neben den „Tentakeln“ in seinem Leben auch „Anker“ gibt, die sein Denken beschäftigen, das Karussell unterbrechen und dafür sorgen, dass er sich wohl fühlt. Er lernt, sich selbst mehr wertzuschätzen und mit sich selbst liebevoller und verzeihender umzugehen. Und er trifft eine wichtige Entscheidung, bevor er die Psychiatrie verlässt und zu seiner Familie nach Hause zurückkehrt.
Craigs Weg zurück ins Leben zu begleiten, hat mir eine Menge Spaß gemacht, und ich habe an Stellen und bei Themen gelacht, bei denen ich das nicht für möglich gehalten hätte. Die L.A. Times hat in ihrer Rezension über den Roman geschrieben: „Die Ärzte sollten dieses Buch auf Rezept all denen verschreiben, die Stress im Job haben oder mit sich selbst unzufrieden sind“ - dem kann ich mich eigentlich nur anschließen. Ganz nebenbei erkennt man sich als Leser nämlich in Craigs Denken und Handeln zumindest ansatzweise immer mal wieder mehr oder weniger selbst und lernt gemeinsam mit ihm eine Menge dazu - auch, wenn man selbst nicht mehr fünfzehn und zusätzlich zu allem anderen Übel noch mitten in der Pubertät und den Wirren der ersten Liebe gefangen ist. Ich könnte mir auch vorstellen, dass das Buch für Eltern von Kindern mit depressiven Störungen eine Hilfe ist, ihre Kinder ein bisschen besser zu verstehen. Schließlich sind auch bei uns in Deutschland entsprechende Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen in alarmierender Weise auf dem Vormarsch. Wobei ich froh und dankbar bin, dass es bei uns (noch?) nicht so gang und gäbe wie in den USA ist, Jugendliche mit Antidepressiva vollzudröhnen; wenn man das Buch liest, gewinnt man zeitweise den Eindruck, dass Prozac und Konsorten im Land der unbegrenzten Möglichkeiten mittlerweile in etwa den Status von Vitamintabletten erreicht haben ...
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