Von der Kunst des Neinsagens



Einige der von uns beschriebenen Persönlichkeitstypen sind sehr viel harmoniebedürftiger als andere. Generell betrachtet kann man sagen, dass es vor allem die Realisten und die Idealisten sind, die sich schwer damit tun, wenn der Haussegen mal schief hängt. Auch wenn es innerhalb dieser beiden Gruppen noch Abstufungen diesbezüglich gibt, und auch wenn natürlich auch die Denker und die Macher im Regelfall nicht dauernd auf Streit aus sind. Realisten und Idealisten sind meist diejenigen, die in der Familie und am Arbeitsplatz am glücklichsten sind, wenn sich alle um sie herum wohl fühlen und gut verstehen, die viel dafür tun, Streit zu schlichten und Wogen zu glätten und die unglücklich und verletzt reagieren, wenn andauernde Spannungen oder auch mal ein echtes Donnerwetter die Atmosphäre durcheinander wirbeln. Wenn du zu einer der beiden Typengruppen gehörst, hast du dich vielleicht auch schon mal gefragt, woher es kommt, dass dir Harmonie so wichtig ist - und wo es besser wäre, wenn du dir ein etwas "dickeres Fell" zulegen könntest oder gelegentlich etwas energischer deine Grenzen verteidigen würdest.

Unser Typentest hat seine Ursprünge in der Tiefenpsychologie. Das bedeutet, dass er Einflüssen aus der Kindheit eine relativ starke Bedeutung für die Persönlichkeitsentwicklung zuschreibt. Ein Teil deiner Veranlagung ist sicherlich angeboren - schon bei Babys lassen sich erste Unterschiede beobachten, wie sie auf Umweltreize reagieren, ob sie z. B. eher ängstlich oder eher unbekümmert sind, was ihre Aufmerksamkeit weckt und was nicht und ob sie eher unruhig und aktiv oder gelassen und ruhig sind. Den nächsten wichtigen Beitrag zu deiner Persönlichkeitsentwicklung haben dann deine Eltern und/oder andere wichtige Bezugspersonen in deiner Kindheit geliefert. Von ihnen hast du gelernt, was "richtig" und was "falsch" ist, wofür du eher Lob geerntet hast und wann du eher mit Ärger rechnen konntest. Einmal lief das mehr oder weniger direkt über das, was deine Eltern dir gesagt haben bzw. wie sie auf dein Verhalten reagierten. Zum anderen waren dir deine Eltern aber auch unbewusst ein wichtiges Vorbild: Ihre Art, mit der Welt und mit anderen umzugehen, diente dir ein Stück weit als Orientierung und Richtschnur dafür, wie du selbst dich vermutlich heute verhältst (das gilt übrigens auch dann, wenn du dich bewusst in bestimmten Dingen zu ihrem genauen Gegenteil entwickelt hast, denn dann haben sie dir immerhin zur Abgrenzung und Standortbestimmung dessen, was du nicht sein wolltest, gedient!).

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Diese Prägung durch die Eltern ist vor allem deshalb so einflussreich, weil Eltern ein sehr machtvolles Instrument zur Verfügung haben, mit dem sie ihre Kinder lenken: Liebe. Selbstverständlich wollen alle Kinder von ihren Eltern geliebt und anerkannt werden. Und selbstverständlich ist es für jedes Kind absolut unerträglich, wenn es das Gefühl hat, seine Eltern irgendwie enttäuscht, verletzt oder ihnen Kummer bereitet zu haben. Daher sind wir alle in der Regel bemüht, den Erwartungen unserer Eltern an uns möglichst zu entsprechen. (Die Ausnahme sind natürlich die Kinder, die sich Zuwendung und Aufmerksamkeit vor allem über negatives Verhalten holen, weil sie auf der positiven Schiene davon nicht genügend bekommen - nach dem Motto "wenn ich ruhig mit meinen Puppen spiele, kümmert sich kein Schwein um mich, aber wenn ich im Wohnzimmer mit dem Fußball spiele, merken sie wenigstens mal wieder, dass es mich auch noch gibt!" Aber das steht auf einem anderen Blatt und ist heute nicht das Thema.) Die Erwartungen unserer Eltern an uns sind ja auch in den meisten Fällen keine boshafte Willkür, sondern bestehen zum Teil aus dem, was sie wiederum von ihren Eltern mitbekommen haben, zum Teil daraus, was sie selbst als für gut befunden haben und zum Teil daraus, was sie vielleicht selbst nicht erreichen konnten, sich aber für ihre Kinder sehr wünschen. Und wenn zu deinen elterlichen Botschaften z. B. Gebote wie: "Sei lieb und brav und muck nicht auf, denn aufmuckende Kinder mögen wir nicht!" oder "Streit und Zank sind schlimm und bedrohlich, bei uns gibt es das nicht!" oder auch "Was du willst, ist nicht so wichtig wie das, was die anderen wollen!" gehört haben, dann kann darin eine der Wurzeln deines ausgeprägten Harmoniebedürfnisses liegen. Speziell Frauen haben oft Angst, nicht mehr gemocht zu werden, wenn sie auf ihren Wünschen beharren, und da gerade für sie die Sehnsucht nach Liebe und Anerkennung sehr zentral ist, stecken sie lieber zurück, als einen Knacks in einer Beziehung zu riskieren. Im ständigen Bemühen, es allen recht zu machen, gehen dann die eigenen Lebensziele und Bedürfnisse irgendwann oft ziemlich unter.

Wenn es dir schwer fällt
  • direkte Wünsche, Aufforderungen oder Anweisungen zu formulieren und du stattdessen eher mit zaghaften Andeutungen oder vorsichtigen Bitten daher kommst
  • auf etwas zu beharren, was dir im ersten Anlauf von jemandem anderen abgeschlagen wurde, obwohl es dir eigentlich sehr wichtig ist
  • nein zu sagen, wenn du etwas tun sollst, wofür du eigentlich keine Zeit/Energie/Lust hast
  • andere auch mal zu kritisieren und deinem (berechtigten) Ärger über sie Luft zu machen
  • Spannungen und Konflikte in deinem Umfeld für eine gewisse Zeit auch mal auszuhalten, ohne gleich Himmel und Hölle in Bewegung zu setzen, damit alle wieder gut Freund miteinander werden
  • jemanden in seine Schranken zu weisen, der - bewusst oder unbewusst - immer wieder deine Grenzen verletzt

dann sind das erste Hinweise darauf, dass du vielleicht dazu neigst, um des lieben Frieden willens zu häufig deine eigenen Interessen zurückzustellen. Dann solltest du noch überlegen, ob du
  • sehr stark von der Meinung anderer abhängst und dich durch Kritik oder auch nur mangelndes Lob schnell verunsichern lässt
  • sehr viel Wert darauf legst, die Gefühle anderer nicht zu verletzen
  • öfter mal das Gefühl hast, von anderen ausgenutzt zu werden
  • schnell mit einem schlechten Gewissen reagierst, wenn du das Gefühl hast, irgendwie "egoistisch" gehandelt zu haben
  • besonders feine Antennen für die Gefühle und Stimmungen hast

- auch das macht dich eher anfällig dafür, die Harmonie in deinem Umfeld höher zu bewerten als deine eigenen Bedürfnisse.

Achte doch einmal für den Anfang darauf, wie häufig es dir passiert, dass du "ja" sagst, wenn du eigentlich "nein" sagen wolltest. Die Aufgabe besteht, wohlgemerkt, nicht darin, dass du dich anschließend auch noch über dich selbst ärgerst! An dieser Stelle geht es erst einmal um eine Bestandsaufnahme, nicht um eine Bewertung! Und achte gleichzeitig auch darauf, wie oft du dir eigentlich etwas von anderen wünscht oder dir Dinge eigentlich zustehen würden, du sie aber nicht bekommst, weil du sie nicht nachdrücklich genug einforderst. Beobachte dich einfach mal selbst für ein oder zwei Wochen mit den Augen deiner besten Freundin oder deines besten Freundes. Bei welchen Anlässen würde sie oder er genervt die Augenbrauen hochziehen oder nur hilflos mit dem Kopf schütteln, weil er sich für dich jetzt etwas anderes gewünscht und dich gerne zu einem anderen Verhalten animiert hätte? Mach dir dazu einige Zeit ein paar Notizen - Stichworte genügen, es ist nur wichtig, dass du dir die jeweiligen Situationen leicht wieder ins Gedächtnis rufen kannst.

Diese Ist-Analyse ist aber natürlich nur der erste Schritt - im nächsten bekommst du dann Tipps, wie du eventuell erste Veränderungen an deinem Verhalten vornehmen kannst, falls du zu dem Schluss kommst, dass das eine gute Idee wäre. Vielleicht kann ja auch alles bleiben, wie es ist. Ansonsten: Fortsetzung folgt!

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