Stress und Partnerschaft (Teil 1)

Na, hattest du auch einen Brückentag am Montag und damit ein Vier-Tage-Wochenende? Wenn du zu den Glücklichen gehörtest, dann hast du jetzt hoffentlich gerade vier schöne, sonnige und entspannte Tage mit deinem Partner hinter dir. Heute Morgen hat die meisten von uns der Alltag wieder, und damit sind die üblichen Stressoren für die Partnerschaft zurück: ein anstrengender, zeitraubender Arbeitsalltag, fordernde Kinder, unterschiedliche Bedürfnisse und Befindlichkeiten der Partner, Ärger mit Kollegen und/oder Verwandten und dann noch die kleinen Widrigkeiten wie die kaputte Waschmaschine, der verpasste Termin, die lärmenden Nachbarn, der Stau auf dem Heimweg, die verlorene Geldbörse ....

Man macht es sich in der Regel nur selten bewusst, aber alle diese großen und kleinen Stresserlebnisse gehen natürlich in der Summe nicht spurlos an uns vorbei - auch nicht an unserer Beziehung. Zahllose Forscher beschäftigen sich mit den Auswirkungen, die Stress auf unsere Lebensqualität hat. Zu ihnen gehört auch Dr. Guy Bodenmann von der Universität Freiburg, der speziell das Thema Stress und Partnerschaft unter die Lupe genommen hat. Sein Fazit: Paare, die im ihrem Alltag viel Stress erfahren und außerdem noch ungünstige Bewältigungsmethoden dafür entwickelt haben, weisen eine deutlich geringere Zufriedenheit mit ihrer Partnerschaft und ein höheres Trennungs- und Scheidungsrisiko auf. Paare dagegen, die zwar mit viel Stress fertig werden müssen, aber auch gute Bewältigungsfertigkeiten dafür besitzen, weisen einen sehr viel stabileren Beziehungsverlauf auf. (Dass es den Paaren, die wenig Stressfaktoren in ihrem Leben haben, natürlich am besten geht, ist klar - aber man hat ja nicht immer unbedingt die Wahl ...)

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Ganz logisch: Wer stark gestresst ist, hat weniger Zeit für seinen Partner, der sich dann schnell vernachlässigt fühlt. Man verbringt kaum noch entspannte Stunden miteinander, in denen man den Kopf wirklich frei hat und emotional aufeinander eingeht. Die Kommunikation zwischen den Partnern verschlechtert sich - einer oder beide sind häufig gereizt, werfen eher mit Kritik als mit Lob um sich, und es kommt schneller zum Streit, der dann auch noch meist heftiger verläuft als unter „Normalbedingungen“. Jeder der Partner erwartet vom anderen Verständnis und Nachgiebigkeit, ist aber nicht (mehr) bereit oder in der Lage, das selbst zu geben.

„Untersuchungen zeigen, dass sich die Kommunikationsqualität unter Stress um rund die Hälfte verschlechtert. Paare sind unter Stress deutlich weniger positiv zueinander (weniger Komplimente, Lob, Zustimmung etc.) und reagieren mit mehr negativen Bemerkungen (Kritik, Abwertungen etc.)“, schreibt Bodenmann. Unter Stress sind wir auch nicht mehr so gut in der Lage, die weniger schönen und angenehmen Seiten unseres Charakters (die wir alle haben) zu kontrollieren oder zu verbergen: wir zeigen uns genauso ängstlich, halsstarrig, intolerant, herrschsüchtig oder egoistisch, wie wir nun mal sind, und der Partner kann sehen, wie er damit zurecht kommt. Last but not least wirkt sich dauernder Stress auch oft negativ auf die Gesundheit eines oder beider Partner aus - was die Lage nicht gerade verbessert, wenn wir dann zu allem Übel auch noch nicht mehr gut schlafen oder praktisch nie mehr Lust auf Sex haben!

Interessant übrigens auch: Die täglichen kleinen Reibereien und Ärgernisse haben den größten negativen Einfluss auf die Partnerschaft. Wirklich große und dramatische Stressfaktoren - wenn z. B. ein Familienangehöriger stirbt oder ein Partner schwer krank oder arbeitslos wird - schweißen Partner oft noch enger zusammen. Die kleinen Widrigkeiten des Alltags dagegen, die für sich betrachtet eigentlich Lappalien sind - dass sie nie die Zahnpastatube zudreht oder dass er dauernd die Socken im Wohnzimmer liegen lässt - sind erheblich gefährlicher für die Beziehungszufriedenheit; sie setzen sich wie Rost heimlich still und leise daran fest und zerfressen sie nach und nach.

Bodenmann wählt zur Illustration ein Beispiel, das du vermutlich so oder in Variationen auch kennst: ein Ehepaar freut sich auf einen gemeinsamen Theaterabend, aber auf dem Weg in die Stadt geraten sie in einen Stau und der Mann beginnt, nervös zu werden und auf den Verkehr und das Leben im Allgemeinen zu schimpfen. Die Frau versucht, ihn zu beschwichtigen, aber er lässt sich nicht beruhigen und sie beginnt sich nun selbst aufzuregen, allerdings mehr über seine überzogene Reaktion als über den Stau ... Wohl jedes Paar erlebt solche und vergleichbare Situationen, in denen die Partner sich eher mit Unverständnis und Gereiztheit begegnen als mit Unterstützung und Verständnis. Schließlich gibt es Wichtigeres, als sich ein paar Minuten zu einer Theaterveranstaltung zu verspäten, oder?!

Eine mögliche Ursache für solche Konflikte kann natürlich die Unterschiedlichkeit der Partnerpersönlichkeiten sein. Stress an sich ist nämlich kein objektives Geschehen, sondern ein subjektives. Ob ein Ereignis als Stress wahrgenommen wird oder nicht, liegt weniger am Ereignis selbst, sondern an der Bewertung des Ereignisses durch denjenigen, dem es zustößt. Ein simples Beispiel: Meine Freundin ist als Kind mal von einem Hund gebissen worden und hat seither panische Angst vor Hunden, die größer sind als ein Meerschweinchen. Ich habe zum Glück keine solche Erfahrung mit Hunden gemacht und mag sie sehr gerne, je größer, desto lieber. Wenn nun sie und ich dieselbe Straße entlang gehen und uns derselbe große, schwarze, frei laufende Hund entgegen kommt, passieren in uns völlig unterschiedliche Dinge. Sie wird vermutlich in Schweiß ausbrechen, panisch nach einer Rückzugsmöglichkeit suchen und im Laufschritt die Straßenseite wechseln. Ich werde vermutlich in die Hocke gehen, die Hand ausstrecken, mich freuen, wenn der Hund daran schnüffelt und ihn streicheln. Und das, obwohl die Situation, der mögliche Stressor, völlig identisch ist. Stress entsteht im Kopf. „Es sind nicht die Dinge, die uns beunruhigen, sondern unsere Sicht auf die Dinge“, wusste schon Seneca. Für einen Menschen, dem Pünktlichkeit sehr wichtig ist und dem es sehr peinlich ist, wenn er zu spät kommt und damit vielleicht andere Theaterbesucher stört, ist ein Geschehen wie das oben geschilderte also unter Umständen tatsächlich ein immenser Stressor - während es einen eher unkonventionellen, wenig an der Meinung anderer interessierten Menschen vielleicht völlig unberührt gelassen hätte.

Bodenmann liefert eine Menge sehr praktischer Ratschläge, wie Paare konstruktiver mit solchem Alltagsstress umgehen und ihre Beziehung von dem Rost der kleinen Widrigkeiten besser schützen können - ich werde dir hier im Blog so nach und nach immer wieder welche davon vorstellen. Für heute möchte ich dir mal wieder die „Königsdisziplin“ in Sachen Partnerschaft ans Herz legen: Toleranz, Verständnis und Unterstützung, auch und vielleicht vor allem dann, wenn dein Partner in der nächsten Stresssituation für deine Begriffe völlig unverständlich und überzogen reagiert. Sieh es nicht durch die „schwarze“ Brille (was für ein unmöglicher Mensch er doch ist, welche Fehler und Schwächen er hat, und überhaupt, wie konntest du dich jemals in so einen verlieben ...!), sondern versuchsweise mal durch die „weiße“ Brille (er hatte schon einen anstrengenden Tag hinter sich, er ist nun mal eher konservativ und hasst Unpünktlichkeit, was dir in anderen Kontexten sicher auch ganz gelegen kommt und er fühlt sich gerade hilflos, weil er Angst hat, dass ihr beide die schöne Vorstellung versäumt, auf die ihr euch so gefreut hattet ...). Vielleicht kennst du den netten Satz: „Liebe mich am meisten, wenn ich es am wenigsten verdiene, denn dann habe ich es am nötigsten!“ Wie wahr, wie wahr ...

Es erfordert Übung und es klappt auch nicht immer. Aber es verändert den Blick auf den Partner, wenn man sich möglichst oft bemüht, ihn nicht als Sammelsurium von Defiziten und Fehlern zu betrachten, sondern ihn als Menschen mit seinen besonderen Eigenheiten und seiner eigenen Gedankenwelt zu verstehen und zu schätzen versucht. Und weil es von diesem „Anti-Rost-Balsam“ eigentlich in keiner Partnerschaft zu viel geben kann, hier zum Abschluss noch drei Vorschläge für dich, wie du noch ein bisschen positive Gegenströmung zum Alltagsstress aufbauen kannst, falls du Lust hast! Es macht Spaß und bringt manchmal überraschende Resultate - probier‘s aus!
  • Mach dir (nur für dich, ohne sie deinem Partner zu zeigen) eine Liste von 10 Dingen, die du an deinem Partner besonders liebst. In den nächsten vier Wochen wirfst du täglich morgens nach dem Zähneputzen eine Münze. Bei „Kopf“ machst du deinem Partner irgendwann im Lauf des Tages ganz bewusst ein Kompliment aus deiner Liste!

  • Leg dir ein „Partner-Glückstagebuch“ an, in dem du am Ende des Tages mindestens eine Kleinigkeit notierst (es dürfen gern mehrere sein!), die du heute an deinem Partner gut fandest, etwas, was er getan hat, was dich gefreut hat oder worauf du stolz warst, oder woran du merken konntest, dass du ihm wichtig bist.

  • Tu in den nächsten 3 Monaten jeden Tag eine kleine oder große Sache für deinen Partner, von der du glaubst, dass sie ihm eine Freude bereiten wird - ohne darüber zu reden, ohne ihn vorher zu fragen, ob du mit deiner Vermutung recht hast und ohne im Anschluss daran von ihm eine besondere Reaktion zu erwarten!

Und weil das Thema Stressbewältigung in Partnerschaften so ein wichtiges ist, gilt heute wieder mal: Fortsetzung folgt!

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