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One Billion Rising - Frauensolidarität gegen sexuelle Gewalt

Jyoti Singh Pandey hieß die junge Inderin, die im Dezember des vergangenen Jahres an den Folgen einer brutalen Gruppenvergewaltigung starb. Sicher nicht das erste und nicht das letzte (Todes-)Opfer (sexueller) Gewalt an Frauen: Statistiken zufolge wird weltweit jede dritte Frau mindestens einmal in ihrem Leben misshandelt oder vergewaltigt. In Deutschland werden pro Jahr 8.000 Fälle von sexueller Gewalt gegen Frauen vor Gericht verhandelt; die von den Fachleuten geschätzte Dunkelziffer liegt beim Zwanzigfachen. 160.000 Frauen pro Jahr, die allein in Deutschland sexuelle Gewalt erleiden ... weltweit 1 Milliarde Frauen ...

Nichts Neues - (sexuelle) Gewalt gegen Frauen hat viele Gesichter und ist in allen patriarchalen Kulturen seit Jahrtausenden fest verankert. Aber seit dem vergangenen Jahr scheint ein Ruck durch die (weibliche) Welt zu gehen; der Widerstand gegen Gewalt gegen Frauen hat international eine neue Dynamik bekommen. Nicht nur durch den Tod von Jyoti Singh Pandey, deren schreckliches Schicksal das Augenmerk der Welt verstärkt auf die Situation der indischen Frauen gelenkt hat, aber auch durch ihn. In Deutschland hat die Aktion #ichhabnichtangezeigt, in deren Rahmen Vergewaltigungsopfer ihre Geschichten erzählen und erklären, warum sie die Tat nicht angezeigt haben, 2012 für Furore gesorgt (http://ichhabnichtangezeigt.wordpress.com/). Mit der weltweiten Kampagne „One Billion Rising“ steht am 14. Februar 2013 ein weiterer Höhepunkt in der Bewegung von Frauen für Frauen und gegen sexuelle Gewalt an: Die New Yorker Künstlerin und Feministin Eve Ensler rief Frauen weltweit für diesen Tag zu Streiks und Protestkundgebungen auf. Indem sie ihre Häuser, Geschäfte und Arbeitsstellen verlassen und gemeinsam öffentlich tanzen, sollen sie Solidarität und gemeinsame Kraft demonstrieren.

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Die aktuell in Deutschland heftig geführte öffentliche Debatte um alltäglichen Sexismus, angestoßen durch das inakzeptable Verhalten des FDP-Politikers Rainer Brüderle gegenüber einer Journalistin (Stichwort: „Herrenwitz“) passt da ebenfalls gut ins Bild. Denn real ausgeübte Vergewaltigungen und sexuelle Misshandlungen ebenso wie Gewalt gegen Frauen aller Art sind selbstverständlich nur die Spitze des Eisbergs - gedeihen kann all das nur im Rahmen eines gesellschaftlichen Klimas, das trotz aller Emanzipations- und Gleichberechtigungsbemühungen auch in Ländern wie Deutschland noch immer stark patriarchal dominiert ist. In dem ein alternder Politiker sich leutselig über die Oberweite einer Journalistin auslassen kann und deren Empörung darüber dann mit Bemerkungen wie sie „solle sich mal nicht so anstellen“ oder „das Ganze als Kompliment sehen“ abgebügelt werden kann. Und in dem sich Frauen oft genug unbewusst oder weil sie glauben, keine Alternative haben, zu Verbündeten eben dieser Strukturen machen, mit deren Hilfe sie unterdrückt und als Menschen zweiter Klasse behandelt werden.

Ein gutes Beispiel dafür sind so genannte Vergewaltigungsmythen. Vergewaltigungsmythen sind gesellschaftlich akzeptierte und tradierte Vorstellungen rund um das Thema Vergewaltigung, die mit der Realität nichts zu tun haben, sondern dazu dienen, sexuelle Gewalt zu verharmlosen, die Täter zu entschuldigen und im Gegenzug die Opfer für ihr Schicksal selbst verantwortlich zu machen. Solche Mythen sind beispielsweise:

Mythos 1: „Vergewaltigt werden nur junge, attraktive Frauen oder solche, die sich aufreizend kleiden oder verhalten.“

(Dieser Mythos ist übrigens nicht nur die Basis all jener wohlgemeinten mütterlichen Ratschläge à la „Ist das nicht ein bisschen weit ausgeschnitten?“, sondern auch die Argumentationsbasis von religiösen Fundamentalisten, die allen Ernstes behaupten, die Burka diene vor allem dem Schutz der Frau vor männlichen Übergriffen.)

Fakt ist: Vergewaltigt werden Mädchen und Frauen weltweit, völlig unabhängig von ihrem Alter, ihrem Aussehen, ihrer Kleidung, ihrer Nationalität oder ihrer Religion. Im Dorf Kunan Pospora in Kaschmir beispielsweise wurden in den 90er Jahren mehr als hundert Frauen von indischen Soldaten vergewaltigt. Das älteste Opfer war dabei achtzig Jahre alt. Vergewaltigungen ereignen sich in Pflegeheimen an bettlägerigen alten Frauen, in Krankenhäusern an Komapatientinnen und in Behinderteneinrichtungen an Schwerstmehrfachbehinderten. Es wäre wohl etwas weit hergeholt, hier von sexueller Provokation durch die jeweilige Frau auszugehen, oder? Abgesehen davon gibt es natürlich ohnehin kein Verhalten von Mädchen und Frauen, das eine Vergewaltigung rechtfertigen würde. Nein heißt nun mal nein, auch wenn eine superattraktive Frau dabei keinen Faden mehr am Leib trägt. Sogar wenn eine Frau zuvor schon einmal mit dem Täter geschlafen hat oder Zärtlichkeiten mit ihm ausgetauscht hat, nimmt ihr das nicht das Recht, zu einem späteren Zeitpunkt zu Sex mit ihm nein zu sagen. Bei Vergewaltigungen wird genau dieses Recht vom Täter übergangen. Damit liegt die Verantwortung immer ganz allein bei ihm.

Umgekehrt gibt es deshalb aber leider auch kein Verhalten, das eine Vergewaltigung ausschließen kann. Wir kommen gleich noch mal darauf zurück, warum genau das einer der Gründe dafür ist, weshalb dieser wie einige andere Vergewaltigungsmythen auch so häufig von Frauen geglaubt und weiterverbreitet wird.

Mythos 2: „Vergewaltigungen finden meist spontan nachts in einsamen Parks oder dunklen Straßen statt. Täter und Opfer kennen sich dabei nicht.“  

Fakt ist: Zwei Drittel aller Vergewaltigungen finden im sozialen Nahbereich der betroffenen Mädchen und Frauen statt. Mädchen und Frauen sind also genau dort am stärksten bedroht, wo sie sich am sichersten fühlen – nämlich in der Familie, im Freundeskreis, am Arbeitsplatz oder in der eigenen Wohnung. Die überwiegende Anzahl der Täter ist den Opfern zuvor (zumindest flüchtig) bekannt. Es handelt sich um den guten Freund, den netten Bekannten oder Kollegen, den Vater, den Bruder, den Ehemann oder den Tennistrainer. Vergewaltigungen finden zu jeder Tag- und Nachtzeit statt. Fast alle Vergewaltigungen sind dabei sehr genau geplant und entstehen keineswegs aus einem spontanen Impuls des Täters heraus.

Mythos 3: „Vergewaltiger sind psychisch krank oder sexuell gestört. Vergewaltigungen sind sexuell motivierte Triebtaten. Der Täter kann sich einfach nicht beherrschen.“

Fakt ist: Es gibt keine biologische, psychische oder physische Ursache, die dazu führen könnte, dass ein Mann sein Sexualverhalten nicht kontrollieren kann. Vergewaltiger sind zu 90 % vollkommen normale, psychopathologisch absolut unauffällige Männer. Vergewaltigungen sind auch keineswegs sexuell motiviert, sondern in erster Linie ein Mittel, Frauen und Mädchen zu erniedrigen und Macht über sie auszuüben. Es geht bei sexueller Gewalt um Dominanz, nicht um Lust. (Das erklärt übrigens auch die Sache mit dem 80jährigen und dem Koma-Vergewaltigungsopfer ...)

Mythos 4: „Die meisten Anzeigen wegen Vergewaltigung basieren auf Lügen. Frauen zeigen Männer an, um diese zu schädigen oder sich an ihnen zu rächen.“

(Ein Mythos, der im Zuge des unsäglichen Kachelmann-Prozesses in Deutschland leider jede Menge Rückenwind erhalten hat. Kachelmann und seine Frau behaupteten medienwirksam, es existiere eine „Opferindustrie“; Frauen hätten ein „Opfer-Abo“ und im Fall einer Anklage immer die Glaubwürdigkeit auf ihrer Seite.)

Fakt ist: Falschbeschuldigungen wegen Vergewaltigung oder sexuellem Missbrauch sind laut Polizei sehr selten (entsprechende Schätzungen gehen von ca. 4 % aus). Sehr viel häufiger verzichten Frauen und Mädchen dagegen aus Angst und Scham auf eine Anzeige: zum einen, weil sie sich selbst - den obigen Mythen folgend - eine Mitschuld am Geschehen zuschreiben, zum anderen, weil sie die psychische Belastung durch Strafverfolgung und Prozess fürchten. Je näher die Opfer mit dem Täter bekannt oder verwandt sind, desto seltener zeigen sie in der Regel eine Vergewaltigung an. Aber selbst wenn sich die Frauen zu einer Anzeige durchringen: Nur ein minimaler Anteil aller angezeigten sexuellen Gewalttaten endet tatsächlich mit einer Verurteilung (geschätzte 13 %).

Das liegt vor allem daran, dass es in den seltensten Fällen wirklich eindeutige Beweise für das Geschehen gibt. Normalerweise steht ja keiner daneben und schaut zu, der später als Zeuge aussagen könnte/wollte. Spermaspuren beispielsweise können nur bis zu 72 Stunden nach einer Vergewaltigung gesichert werden - und sehr viel häufiger sitzt das traumatisierte Opfer in dieser Zeitspanne weinend in der Dusche und versucht, sich das Geschehen vom Leib zu waschen, als beim Gerichtsmediziner vorstellig zu werden. Aber selbst wenn eindeutige Spermaspuren, vielleicht sogar Verletzungen gesichert werden konnten - wie kann man nachweisen, dass das Ganze nicht doch mit Zustimmung der Frau stattfand? Schließlich gibt es (wie wir spätestens seit „Shades of Grey“ alle genauer wissen, als vielen von uns lieb gewesen wäre) genügend Menschen, die auf ... nun sagen wir mal: etwas härtere Praktiken beim Sex stehen. Letzten Endes steht oft Aussage gegen Aussage. Und dann heißt es nun mal häufig „im Zweifel für den Angeklagten“. Schön für die vier Prozent tatsächlich zu Unrecht Beschuldigten. Schlimm für die 96 % der Opfer, die nach allem, was sie durchgemacht haben, mit ansehen müssen, wie ihr Vergewaltiger als freier Mann den Gerichtssaal verlässt.

Warum auch viele Frauen diesen - für sie eigentlich ja ungemein schädlichen - Vergewaltigungsmythen anhängen, erläutert der Sozialpsychologe Professor Bohner im Interview mit der Frankfurter Rundschau so: „Eine Erklärung ist, dass diese Frauen sich so einreden können, sie könnten es beeinflussen, ob sie vergewaltigt werden oder nicht. Wenn die Opfer, wie die Mythen behaupten, ,irgendwie mit schuld‘ sind, sagen sich die Frauen: ,Dann muss ich mich nur ,richtig´ verhalten, und schon passiert mir nichts. Die Frauen bauen sich damit eine Illusion der Unverwundbarkeit auf, um sich selbst aus dem Kreis der potenziellen Opfer auszuschließen.“ Eine Illusion, die wir Frauen offenbar für unsere Seelenruhe bitter nötig haben angesichts der von ihm im selben Interview nüchtern postulierten Tatsache, „dass Frauen zwischen 15 und 44 Jahren schwerer durch sexuelle Gewalt bedroht sind, als durch Krebs, Krieg und Autounfälle zusammen genommen.“

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