Mit Buddhas Hilfe den inneren Kritiker ausbremsen

Zum inneren Kritiker (dem Persönlichkeitsanteil in uns, der ständig damit beschäftigt ist, uns unsere Fehler vorzuhalten und uns zu erklären, was wir nun schon wieder falsch oder zumindest nicht perfekt gemacht haben) habe ich hier auf iPersonic ja schon so einiges geschrieben (z. B. hier und hier).

Wie in einem anderen Artikel schon erklärt, sind es vor allem drei unserer vier großen Typengruppen, die zu einem ungesunden Perfektionismus neigen, und zwar die Denker, die Realisten und die Idealisten. Stärker als die vierte Gruppe (die Macher) neigen diese Menschen zu ständiger Unzufriedenheit mit dem jeweils Erreichten. Das kann teilweise ein nützlicher Antrieb sein, sich selbst und seine Pläne immer weiter zu verwirklichen, wenn sich der Mechanismus allerdings gegen einen selber wendet, läuft man Gefahr, zum "Hamster im Laufrad" zu werden und sich entweder im beruflichen oder im privaten (schlimmstenfalls auch in beiden) Bereich kontinuierlich zu überfordern. Frustration, Erschöpfung und Burn-out können die Folge sein.

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Die jeweilige "Antriebsfeder" für den Perfektionismus ist aber unterschiedlich: Denker sind vor allem kompetenzbesessen - sie können einfach nicht genug Wissen und Fähigkeiten in allen möglichen Lebensbereichen anhäufen! Neue Informationen saugen sie auf wie ein Schwamm in der Hoffnung, sie könnten mit ihrer Hilfe noch unschlagbarer in ihren jeweiligen Interessengebieten werden. Gleichzeitig gehen sie aber mit ihrer (und fremder!) Leistung meist unbarmherzig ins Gericht - wenn es es klitzekleines Haar in der Suppe zu finden gibt, dann stößt ihr scharfer Verstand wie ein Adler darauf los. Vor diesem Hintergrund ist es natürlich schwer, sich jemals zufrieden zurückzulehnen und das Erreichte wohlgefällig zu betrachten. Die Realisten wiederum treibt vor allem das Bedürfnis an, sich nützlich zu machen, anderen zu helfen und ihre Pflichten jederzeit hundertfünfzigprozentig zu erfüllen. Sie tun dies einerseits deshalb, weil sie von allen Typen die verantwortungsbewusstesten und zuverlässigsten sind. Andererseits spielt für diese Persönlichkeiten die Anerkennung durch andere und das intensive Bedürfnis, von anderen geliebt und geschätzt zu werden, eine sehr große Rolle. Dafür sind Menschen dieser Gruppe oft bereit, weit über ihre Leistungsgrenzen hinauszugehen und erheblich mehr zu erbringen, als eigentlich rechtmäßig von ihnen gefordert werden könnte. Idealisten schließlich sind beseelt vom grundsätzlichen Streben nach Vollkommenheit - das betrifft ebenso sie selbst als Person (für keinen anderen Typen ist das Thema Selbstverwirklichung so zentral wie für diese Gruppe) wie auch die Umsetzung ihrer meist hohen Ziele im Leben. Ein Idealist hat das intensive Bedürfnis, sich aus der Masse hervorzuheben. Das kann er nur, indem er ganz Besonderes erreicht und selbst ein ganz besonderer Mensch ist. Dafür ist er bereit, hohe Opfer zu bringen - und stellt im Zuge dessen manchmal an sich selbst wie auch an andere nahezu unerfüllbare Forderungen.

Tipps, wie du den inneren Kritiker in dir etwas mäßigen kannst, wenn auch du zu den Menschen gehörst, die er zu oft und zu gnadenlos in die Mangel nimmt, findest du so einige bereits in den beiden oben erwähnten Artikeln zum Thema Selbstvertrauen. Dieser Tage bin ich aber beim Lesen des tollen Buchs „Die Kuh, die weinte“ von Ajahn Brahm noch auf eine so wunderschöne kleine Geschichte zu diesem Thema gestoßen, dass ich sie unbedingt weitergeben möchte. Ajahn Brahm ist ein ein Mönch der Waldkloster-Tradition des Theravada-Buddhismus, der in Australien lebt. Er hat die in diesem absolut empfehlenswerten Büchlein eine Vielzahl von Geschichten, buddhistischen Parabeln und eigenen Erlebnissen zusammengetragen, die alle von der Zweiten Edlen Wahrheit aus der Lehre Buddhas handeln: dem Weg zum Glück. Wie Ajahn Brahm selbst im Vorwort schreibt: „Alle Geschichten enthalten mehrere Bedeutungen, und je öfter sie gelesen werden, desto mehr Wahrheiten offenbaren sich.“ Das kann ich nur bestätigen. Ich habe das Buch verschlungen, und es ist auf Anhieb zu einem meiner Lieblingsbücher avanciert. Nicht nur, aber auch wegen der ersten Geschichte darin, die von eben diesem ungesunden Perfektionismus handelt, der so viele von uns umtreibt. Die Geschichte heißt: „Zwei mangelhafte Backsteine“ (sie ist übrigens auch in der bei Amazon frei verfügbaren Leseprobe aus dem Buch zu finden; ich gebe sie deshalb hier in einer leicht verkürzten Fassung wieder).

Zwei mangelhafte Backsteine


Nachdem wir 1983 Land für unser Kloster gekauft hatten, waren wir völlig pleite und steckten bis zum Hals in Schulden. Auf dem Grundstück selbst stand kein einziges Haus, nicht einmal ein Schuppen. In jenen ersten Wochen schliefen wir auf alten Türen, die wir billig auf dem Schuttabladeplatz erstanden hatten. (...) Wir waren arme Mönche, aber wir brauchten ein Dach über dem Kopf. Bauarbeiter konnten wir uns nicht leisten - schon die Kosten für das Material waren ja kaum aufzubringen! Also musste ich das Bauen von Grund auf erlernen: wie man ein Fundament legt, betoniert, mauert, ein Dach zimmert und sanitäre Einrichtungen einbaut, eben alles, was zum Bau gehört. Mein bürgerliches Leben als Physiker und Lehrer hatte mich nicht darauf vorbereitet, mit den Händen zu arbeiten. Doch im Verlauf einiger weniger Jahre wurde ich zu einem recht geschickten Bauarbeiter und nannte mein Team schon bald BBC (Buddhistische Bau Company). Der Anfang war allerdings außerordentlich mühsam.

Dem Außenstehenden mag Maurerarbeit leicht erscheinen: Man pappt etwas Mörtel auf den Stein, setzt ihn an seine Stelle und klopft ihn en bisschen fest. Wenn ich aber leicht auf eine Ecke schlug, um eine ebene Oberfläche zu erhalten, stieg eine andere Ecke nach oben. Kaum hatte ich diese auch festgeklopft, tanzte auf einmal der ganze Stein aus der Reihe. Behutsam brachte ich ihn also wieder in die richtige Position, um gleich danach festzustellen, dass die erste Ecke schon wieder hochragte. Es war zum Verzweifeln. Wenn Sie mir nicht glauben, versuchen Sie‘s doch selbst einmal!

Als Mönch verfügte ich über so viel Geduld und Zeit, wie ich brauchte. Ich gab mir also große Mühe, jeden Backstein perfekt einzupassen, ganz gleich, wie viel Zeit ich dafür benötigte. Und irgendwann war die erste Backsteinmauer meines Lebens fertig gestellt. Voller Stolz trat ich einen Schritt zurück, um mein Werk zu begutachten. Erst da fiel mir auf - das durfte doch nicht wahr sein! -, dass zwei Backsteine das Regelmaß störten. Alle anderen Steine waren ordentlich zusammengesetzt worden, aber diese zwei saßen ganz schief in der Mauer. Ein grauenvoller Anblick! Zwei Steine hatten mir die ganze Mauer versaut.

Der Zementmörtel war inzwischen fest geworden. Also konnte ich diese Steine nicht einfach herausziehen und ersetzen. Ich ging zu meinem Abt und fragte, ob ich die Mauer niederreißen oder in die Luft jagen und neu anfangen dürfte. „Nein“, erwiderte der Abt, „die Mauer bleibt so stehen, wie sie ist.“

Als ich die ersten Besucher durch unser neues Kloster führte, vermied ich es stets, mit ihnen an dieser Mauer vorbeizugehen. Ich hasste den Gedanken, dass jemand dieses Stümperwerk sehen könnte. Etwa drei oder vier Monate später wanderte ich mit einem Gast über unser Terrain. Plötzlich fiel sein Blick auf meine Schandmauer. „Das ist aber eine schöne Mauer“, bemerkte er wie nebenbei. „Sir“, erwiderte ich überrascht, „haben Sie etwa Ihre Brille im Auto vergessen? Oder einen Sehfehler? Fallen Ihnen denn die zwei schief eingesetzten Backsteine nicht auf, die die ganze Mauer verschandeln?“

Seine nächsten Worte veränderten meine Einstellung zur Mauer, zu mir selbst und zu vielen Aspekten des Lebens.

„Ja“, sagte er. „Ich sehe die beiden mangelhaft ausgerichteten Backsteine. Aber ich sehe auch 998 gut eingesetzte Steine.“

Vielleicht schaffst du es ja in Zukunft, ab und zu an diese Geschichte von den zwei mangelhaften Backsteinen zu denken, wenn dein innerer Kritiker mal wieder zu arg vom Leder zieht? Und die vielen, vielen perfekten Steine in deiner eigenen „Mauer“ zu sehen, statt der zwei schief eingesetzten? Ich persönlich fand das Bild so eindrücklich und klar, dass ich es mir, seit ich die Geschichte gelesen habe, ganz oft in Erinnerung rufe. Es hilft mir nicht nur, mit meinen eigenen Fehlern und Schwächen anders - liebevoller und mitfühlender - umzugehen, sondern auch mit denen von anderen Menschen. Ganz in Buddhas Sinne, glaube ich.

Hier noch mal der Link zum Buch.

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