Maria Langstroff - Nicht dem Leben mehr Tage geben, sondern den Tagen mehr Leben! (Papageno-Geschichte Nr. 3)

Maria Langstroff ist Jahrgang 1986, geboren in Hessen. Wäre sie gesund, säße sie jetzt wahrscheinlich in der Uni und würde büffeln (sie wollte Lehrerin werden), sie wäre mit Freunden unterwegs, oder vielleicht gerade irgendwo auf Reisen, um die Welt zu entdecken. Was junge Frauen in ihrem Alter halt so machen. Ein Semester im Ausland während ihres Lehramtsstudiums hatte sie jedenfalls fest eingeplant, wie sie erzählt. Außerdem wünschte sie sich immer schon, was sich die meisten jungen Frauen wünschen: Familie und Kinder. Vielleicht wäre sie heute also in ihrem Alter von heute 26 auch schon Mutter, wer weiß.

Aber Maria Langstroff ist nicht gesund; sie leidet an einer unbekannten Muskelkrankheit mit fortschreitendem, schubförmigem Verlauf. Bis zum 13. Lebensjahr war sie sportlich sehr aktiv (im Interview nennt sie sich selbst einen „kleinen Wirbelwind“, der „nie still sitzen konnte“), ab da begannen die Probleme. Mit 2006 landete sie im Rollstuhl, seit 2010 liegt sie nur noch im Bett, seit 2011 in einem Pflegeheim. Sie ist mittlerweile fast vollständig gelähmt, nur den Kopf kann sie noch leicht bewegen. Sie kann kaum noch schlucken, wird über Schläuche ernährt. Ihre Sehkraft wird auch immer schwächer; sie kann nur noch Umrisse erkennen. Ihr Zimmer kann sie nicht verlassen, und es muss ständig abgedunkelt sein, denn auf normales Licht reagiert sie mit Krampfanfällen. Es gibt nichts, was die Krankheit aufhalten könnte - diese Krankheit, die so selten und so unbekannt ist, dass sie noch nicht einmal einen Namen hat. Maria Langstroff weiß aber, dass sie an dieser Krankheit sterben wird; wann genau, kann ihr niemand sagen - morgen, nächsten Monat, in ein paar Jahren.

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Wer, wenn nicht diese junge Frau, hätte jeden Grund und alles Recht der Welt, zornig, verzweifelt und mutlos zu sein? Sich zu beklagen über die Ungerechtigkeit des Lebens, über seine Sinnlosigkeit? Sich zurückzuziehen in einen Kokon aus Selbstmitleid, Depression und Bitterkeit, während sie da in der Dunkelheit ihres Zimmers auf den Tod wartet?

Aber Maria Langstroff tut genau das nicht. „Wieso soll ich rumsitzen und auf den Tod warten, wenn ich noch etwas Sinnvolles machen kann? Man muss sich Ziele und Aufgaben setzen.“ Das sagt die heute 26jährige im Interview so einfach, als wäre es das Selbstverständlichste von der Welt. Und vielleicht ist es das ja auch (oder sollte es zumindest sein). Jedenfalls ist diese junge Frau ein außergewöhnlich beeindruckendes Mutmach-Beispiel für meine Papageno-Liste, denn in einer Situation, in der wohl die meisten von uns damit beschäftigt wären, um sich selbst zu kreisen und ihr eigenes Schicksal zu bejammern, hat sie sich damit nicht begnügt. Stattdessen hat sie mittlerweile nicht nur ein, sondern sogar zwei Bücher geschrieben und veröffentlicht, um auf die Situation Behinderter aufmerksam zu machen und für mehr Sensibilität und Verständnis im gemeinsamen Alltag von Behinderten und Nichtbehinderten zu plädieren.

Schon das erste Buch - begonnen hat sie damit im Mai 2010 - konnte sie nicht mehr alleine tippen: Sie schaffte es zwar noch, die ersten Texte dafür mit ihrer rechten Hand in den Computer einzugeben, aber als ihre Muskulatur zu schwach dafür wurde, musste sie auf ein Spracherkennungsprogramm ausweichen. Doch dann verlor sie ihre Stimme und auch dieser Weg funktionierte nicht mehr. Ich weiß nicht, wie viele Menschen nicht an diesem Punkt aufgegeben hätten - mir fallen keine ein, mich selbst eingeschlossen, die nicht spätestens hier (wenn nicht viel früher) das Handtuch geworfen hätten. Maria Langstroff aber nicht - stattdessen tippte sie einzelne Sätze als SMS in ihr Handy und schickte sie an ihren Vater, der die in den Computer übertrug. Neun Monate lang - bis ihre Stimme zurückkehrte. Von da an diktierte sie ihrem Vater täglich zwei Stunden lang per Telefon, bis das Buch fertig war.

Es erschien im Mai 2012 und wurde ein Riesenerfolg. „Mundtot!? - Wie ich lernte, meine Stimme zu erheben - eine sterbenskranke junge Frau erzählt“ stand 18 Wochen lang auf der Spiegel-Bestsellerliste. Ein Jahr später veröffentlichte sie ihr zweites Buch: „Jetzt bin ich nicht mehr mundtot! - Gespräche mit Maria über Freundschaft, Familie, Glaube, ihre Krankheit und den Sinn des Lebens“. Und weil ihr das offensichtlich alles noch nicht genug ist, las sie ihr erstes Buch selbst als Hörbuch ein - da sie ihr Krankenzimmer ja nicht verlassen kann, installierte ihr Verlag dort für zwei Wochen ein komplettes mobiles Tonstudio, um die Aufnahme zu ermöglichen. Oh, übrigens studiert sie außerdem seit mehreren Semestern an der Universität Marburg Anglistik, Germanistik und Pädagogik auf Lehramt, dazu Psychologie als Nebenfach. In Vorlesungen kann sie natürlich nicht gehen, aber sie lässt sich aus Büchern vorlesen und hört sich Texte im Internet an, um dem Lehrstoff zu folgen.

Den Lebenswillen und das Durchhaltevermögen dieser jungen Frau kann man einfach nur zutiefst bewundern. Natürlich kennt auch sie Momente völliger Verzweiflung und Kraftlosigkeit, fühlt sich manchmal depressiv und möchte aufgeben. Im Interview sagt sie: „Es gab natürlich auch Schübe, bei denen ich dachte: Jetzt ist gut, jetzt will ich nicht mehr!“ Der entscheidende Unterschied zwischen ihr und anderen, die sich in solchen Situationen vielleicht aufgeben würden, ist wohl dieser: „Doch dann kam immer wieder der Moment, in dem mir klar wurde: Doch! Ich schreibe ein Buch und ich schreibe es zu Ende. Punkt.“ Oder vielleicht auch dieser: „Ich frage inzwischen nicht mehr nach dem Warum, denn darauf bekomme ich sowieso keine Antwort. Wenn man den Verlauf meiner Krankheit betrachtet, sieht, wie es mir heute geht, muss man ganz klar sagen, dass es immer schlechter wird. Das ist  mir einerseits bewusst, andererseits gebe ich die Hoffnung nicht auf, dass sich meine gesundheitliche Situation doch noch bessern wird. Vielleicht geschieht ein Wunder. Daher versuche ich immer, mich auf die positiven Dinge zu konzentrieren. Aufgeben? Nein, niemals! Das ist ein Fremdwort für mich!“

Wenn ich das Interview mit Maria Langstroff auf ihrer Website (www.maria-langstroff.de) lese und die Gründe, weshalb sie überhaupt mit dem Schreiben begonnen hat, dann fällt mir ein Zitat von Friedrich Nietzsche ein: „Wer ein WOZU zu leben hat, erträgt fast jedes WIE.“ Maria Langstroff hat sicherlich - trotz oder gar wegen ihrer schlimmen Erkrankung - dieses WOZU für sich gefunden. Sie sagt: „Geschrieben habe ich das Buch aus verschiedenen Gründen: Zum einen, weil ich für Menschen da sein möchte, die eine Behinderung haben oder in irgendeiner Weise erkrankt sind. Ich möchte eine Art Wir-Gefühl schaffen und Menschen eine Stimme geben, die selbst keine Stimme mehr haben. Die keine Möglichkeit mehr haben, sich zu äußern, ich möchte aussprechen, was sonst unausgesprochen bleibt. Das sind zum Beispiel Menschen im Wachkoma: Ich finde es ganz schlimm zu sagen, ach, das ist doch ein Wachkomapatient, der kriegt eh nichts mehr mit. Denn: Wie kann man das wirklich wissen? Für all diese Menschen möchte ich jemand sein, der einmal sagt, wie es wirklich ist, wie ein großer Teil der Menschen mit uns umgeht. Zum anderen möchte ich eben den Leuten, die sich abfällig und diskriminierend verhalten, ob es nun in der Klinik, in Pflegeheimen, auf der Straße oder bei der Deutschen Bahn ist, die Augen öffnen. Ich will, dass sie begreifen, wie verletzend ihr Verhalten ist. Wenn ich nur eine Handvoll Leute zum Nachdenken bringe, habe ich schon viel erreicht.“

Ich muss, wenn ich das lese, außerdem an einen Vortrag von Elisabeth Lukas denken, einer großen Logotherapeutin und Schülerin von Victor Frankl. Darin erzählte sie von einem Projekt in einem Sterbe-Hospiz in Süditalien. Ihre Studentinnen und Studenten unterrichteten dort junge Frauen und Männern, die an Aids im Endstadium erkrankt waren, in der Ikonenmalerei. Die Technik dafür ist schwierig und sehr anspruchsvoll, die Arbeit langwierig, weil die Farben schichtweise aufgetragen werden und jedes Mal trocknen müssen, bevor man weiter malen kann. Jeder Kranke sollte das Stück Holz für seine Ikone so groß wählen, wie er selbst es sich zutraute. Die Ikone sollte er für einen ihm wichtigen Menschen malen und sie ihm nach Fertigstellung schenken. Ich werde die tiefe Bewegtheit in Elisabeth Lukas‘ Stimme nie vergessen, mit der sie berichtete, dass durch dieses Projekt nicht nur der Schmerzmittelverbrauch in dem Hospiz drastisch reduziert werden konnte. Sondern es starb auch nicht einer - nicht einer! - der Patienten, ehe seine Ikone nicht fertig gestellt war.

„Wer ein WOZU zu leben hat ...“ Sollte es für uns Gesunde oder doch Gesündere als Maria Langhoff oder diese todkranken Aids-Patienten nicht viel, viel einfacher sein, dieses WOZU zu finden und uns von ihm durch die schwierigen Zeiten in unserem Leben tragen zu lassen?

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