Die Liebe findet man nicht, man erschafft sie

Der Januar neigt sich seinem Ende entgegen, und in gerade mal zwei Wochen „droht“ schon wieder mal der Valentinstag am Horizont! (Na, schon ein Geschenk für den oder die Liebste überlegt? Tisch fürs romantische Dinner reserviert?) Grund genug, sich mal wieder mit dem Thema Liebe zu beschäftigen. Denn Liebe und das Bedürfnis nach Bindung an andere ist wahrscheinlich das Gefühl, das uns Menschen am meisten prägt und beeinflusst. Heute soll es mal um die Veränderungen gehen, denen dieses ewig gleiche und doch immer neue Gefühl im menschlichen Lebenslauf unterworfen ist.

Vom ersten Atemzug an beginnt ein Baby, sehr aktiv nach Bindung an wichtige Bezugspersonen zu suchen und Kontakt zu diesen herzustellen (z. B. durch Blickkontakt, Nachahmung von Gesichtsausdrücken, Schreien usw.). Das tut es natürlich vor allem instinktiv, weil von der Zuwendung der Bezugspersonen sein Überleben abhängt. Diese Form der „Liebe“ ist deshalb völlig asymmetrisch und geprägt von totaler Abhängigkeit des Babys von der Bezugsperson, sie hat nichts Gleichwertiges (auch wenn die Bezugspersonen das Kind natürlich auch lieben). Satt und sauber reicht dabei nicht aus - die emotionalen Bedürfnisse des Kindes sind genauso wichtig wie seine körperlichen. Und: die Bindungserfahrungen, die das Kind in seinen ersten 18 Lebensmonaten macht, beeinflussen sein späteres Bindungsverhalten, konnten Studien zeigen: Erfährt es liebevolle und zuverlässige Fürsorge, wird es später beziehungsfähiger und selbstsicherer sein, als wenn es vernachlässigt oder gar misshandelt wird.

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Erst ab dem Alter von etwa 6 - 8 Monaten unterscheidet das Kind in seiner Zuneigung aber wirklich kritisch zwischen vertrauten oder fremden Personen, Eltern kennen die auf diesen Entwicklungssprung folgende Phase als typische „Fremdelphase“. Kleinkinder differenzieren schon sehr genau zwischen einzelnen Beziehungen - d. h. sie binden sich an manche Bezugspersonen intensiver als an andere, und sie interagieren und kommunizieren mit unterschiedlichen Personen auch unterschiedlich. Sie entwickeln Vorlieben und Abneigungen bestimmten Menschen gegenüber („Tante Sylvia ist meine allerliebste Tante!“ - „Onkel Stefan ist blöd!“) und „dosieren“ ihre Zuneigung entsprechend. Ihre gezeigte „Liebe“ ist allerdings noch immer relativ leicht beeinflussbar und oft auch situationsabhängig: Tante Sylvia ist vielleicht einfach nur die mit den größten Weihnachtspaketen und Mama ist immer dann „böse“, wenn sie mal wieder den Lutscher an der Supermarktkasse verweigert hat. Diese scheinbaren Schwankungen rütteln natürlich nicht im Geringsten an der grundlegenden Bindung an die primären Bezugspersonen. Die ist zu dieser Zeit schon sehr stabil und Verlust- und Trennungserfahrungen im frühen Kindesalter (z. B. weil die Mutter stirbt oder die Eltern sich scheiden lassen) bedeuten deshalb für ein Kind auch ein schweres Trauma.

Mit zunehmendem Alter des Kindes werden die Themen Autonomie und Individuation als Konkurrenten zum Bedürfnis nach Bindung immer präsenter: Das Kind bzw. der Jugendliche kann immer mehr, wird selbständiger, will auch immer weniger „gegängelt“ werden. (Das beginnt schon im Kleinkindalter, verstärkt sich aber mit jedem Lebensjahr.) Damit gerät es automatisch in einen Konflikt, denn Bindung und Autonomie sind natürlich Gegenpole. Deshalb sind Kindheit und Jugend - besonders natürlich die Zeit der Pubertät - in gewisser Weise ein dauerndes Hin- und Herpendeln zwischen diesen beiden Polen, ein ständiges Ausbalancieren zwischen Nähe und Distanz zu den Bezugspersonen. Das macht die Zeit der Pubertät (unter anderem) auch für alle Beteiligten oft so sehr anstrengend und konfliktreich: im einen Moment hat man einen kuschelbedürftiges, kindliches Gegenüber vor sich, im nächsten einen unnahbaren Kaktus mit schlechter Laune ...

Übrigens gilt unter Entwicklungspsychologen speziell die Zeit von 9 - 12 Jahren noch einmal als eine sehr sensible Phase hinsichtlich Trennungs- und Verlusterfahrungen von Bindungspersonen, d. h. wenn die Kinder hier eine wichtige Bezugsperson verlieren, hinterlässt das besonders tiefe Spuren und destabilisiert sie oft auch in ihrem späteren Bindungsverhalten besonders nachhaltig.
 
In den Zwanzigern sind die meisten Menschen dann damit beschäftigt, ihre ersten „ernsthaften“ Beziehungserfahrungen zu sammeln. Man probiert sich und das Konstrukt Partnerschaft aus, zieht vielleicht probeweise mit jemandem zusammen, trennt sich wieder, geht eine neue Beziehung ein ... In der Regel ist hier noch nicht so viel Verbindlichkeit vorhanden wie in späteren Lebensjahren; man agiert ja auch aus dem Gefühl heraus, noch jede Menge Zeit und noch mehr Möglichkeiten vor sich zu haben. Die Liebe hat in dieser Zeit deshalb meist eine sehr spielerische Komponente. Der Entwicklungspsychologe Erikson nennt dieses Stadium das der „Genitalität“: In dieser Entwicklungsstufe lautet die Lebensaufgabe, nach und nach eine echte Intimität mit anderen Menschen zu entwickeln (im Sinne von Beziehungen auf Augenhöhe, einer guten Balance zwischen dem „Ich“ und dem „Wir“ in einer Partnerschaft, der Selbst- und der Fremdbezogenheit). Man könnte überspitzt sagen: in dieser Zeit zeigt sich, ob wir wirklich fähig zur echten Liebe sind. Wir entwickeln unser ganz persönliches Beziehungsprofil.

Zwischen 30 und 50 Jahren - Erikson nennt diese Phase das „Erwachsenenalter“, die Phase der „Generativität“, der Schöpferkraft - geht es vor allem darum, Liebe in die Zukunft zu tragen: eigene Kinder zu bekommen, sich um künftige Generationen zu kümmern, soziales Engagement zu leben, eigenes Wissen und Können zu vertiefen und vor allem auch weiterzugeben (das kann - neben der Elternschaft - auch in Form von Unterrichten, Mentorentätigkeit, künstlerischer Tätigkeit oder ähnlichen Dingen stattfinden). In diesem Stadium ist die Liebe deshalb bestenfalls eher eine, die über uns selbst hinausweist, uns als Person irgendwie in die Zukunft verlängert. Die Liebe in dieser Zeit ist nicht mehr so selbstbezogen wie in den frühen Erwachsenenjahren, sie ist altruistischer.
 
Und dann schließlich das höhere Lebensalter, die Zeit ab 60+. Die Aufgaben in Sachen Liebe lauten jetzt, noch mal eine Neuorientierung in vieler Hinsicht vorzunehmen, weil sich die Gewichtungen erneut verschieben: Der Job wird weniger wichtig, die Kinder sind unabhängig und aus dem Haus. Das kann jetzt wunderbar sein und der Beziehung einen neuen Frühling bescheren (wenn man damit umgehen kann, die entstehenden Lücken gut füllt und sich einander positiv zuwendet) oder aber zur Scheidung nach der Silberhochzeit führen (wenn man „ins Loch fällt“, eine Midlife-Crisis bekommt und unter dem „empty nest-Syndrom“ leidet). So oder so muss man sich in einer Langzeitbeziehung noch mal intensiv miteinander auseinandersetzen, die jeweiligen Rollen neu definieren (unerreicht gut beobachtet in „Pappa ante portas!“ des unvergessenen Loriot), einander mit neuen Augen sehen lernen. Ebenfalls wichtig in dieser Phase ist die Auseinandersetzung mit der eigenen Vergänglichkeit und der des Partners. Das kann ebenfalls sehr gut laufen, oder ganz schlecht (letzteres führt dann in der Regel bei Frauen zu gruseligen Schönheits-OPs und Botox-Partys an den Wochenenden und bei Männern zu hektischen Fitnessstudioaktionen, Sportcabrios und gelegentlich dem Wechsel zur fünfundzwanzigjährigen Blondine ...).
 
Ein wandelbares Gefühl ist sie also, die Liebe, und trotzdem durchzieht sie unser ganzes Leben von der Wiege bis zur Bahre. Können wir sie - bzw. ihre Beständigkeit - denn überhaupt beeinflussen? O ja, können wir! Und zwar in dreierlei Hinsicht:

Erstens schon bei der Partnerwahl: indem wir nicht nur nach romantischer Verliebtheit wählen (auch wenn die Schmetterlinge im Bauch so schön sind!), sondern auch und vor allem auf Aspekte wie Ähnlichkeit zwischen uns und unserem Partner (z. B. in Sachen Vorlieben und Abneigungen, Interessen und Lebensziele, Gewohnheiten und Prioritäten etc.) achten. Denn die Forschung belegt eindeutig, dass Partnerschaften im Schnitt umso haltbarer sind, je ähnlicher sich zwei Partner sind. Das ist auch ganz logisch: mehr Gemeinsamkeit bedeutet automatisch weniger Konfliktpotenzial und mehr Verständnis füreinander. Arnold Retzer hat mit seinem „Lob der Vernunftehe“ also gar nicht so unrecht, genauso wenig wie Friedrich Nietzsche, als er sagte: „Eine gute Ehe basiert vor allem auf dem Talent zur Freundschaft.“

Zweitens in uns selbst: indem wir bereit sind, eine Entscheidung für einen Partner zu treffen und dann aufhören, diese dauernd wieder zu hinterfragen (es sei denn, angesichts wirklich schwer wiegender Probleme oder Veränderungen). Unsere Multioptionsgesellschaft erzeugt in uns die Illusion, es gäbe da draußen jederzeit jemanden, mit dem es einfacher und besser laufen würde, und das verführt dann schnell dazu, beim kleinsten Konflikt gleich nach jemand anderem Ausschau zu halten und sich zusammenzufantasieren, dass mit dem dann alles viel schöner wäre. Oder auf Facebook schnell mal zu schauen, was die früheren Expartner so treiben und ob sie wieder zu haben wären ... Statt unsere Energie in die aktuelle Beziehung zu stecken und das Beste daraus zu machen. Das Schlüsselwort ist ehrliches commitment, ohne Hintertürchen und Vorbehalte, für einen Partner, statt sich gegenseitig dauernd nur quasi „auf Bewährung“ zu lieben. Und natürlich das Verabschieden von romantischen Illusionen (von wegen nach fünf Jahren Ehe muss es noch immer so prickeln wie am ersten Tag, sonst stimmt was nicht) - was aber beileibe nicht bedeutet, dass man sich von der Romantik an sich verabschieden sollte!

Drittens in der Beziehung: indem wir nicht annehmen, eine Beziehung funktioniere auf Dauer von selbst oder bliebe auf Dauer so wie am Anfang. Das tun Beziehungen nicht - sie werden im Laufe der Zeit automatisch von selbst schlechter, dazu muss man nichts tun. Wenn man aber will, dass sie gut bleiben, dann muss man permanent investieren (Zuwendung, Kommunikation, Respekt usw.). Von unserem Auto erwarten wir nicht, dass es zehn Jahre lang reibungslos läuft und blitzt und blinkt wie am ersten Tag, ohne dass wir je eine Tankstelle oder eine Werkstatt anfahren, aber von unserer Beziehung interessanterweise schon.

In Spanien gibt es die schöne Weisheit: „El amor no se encuentra, se construye“, was übersetzt in etwa heißt: „Liebe findet man nicht, man erschafft sie“. Wenn man das verinnerlicht, hat man sehr gute Aussichten auf eine beständige und glückliche Beziehung und eine lebenslange Liebe. Und dazu braucht man selbst auch weder Mrs. Perfect zu sein noch Mr. Perfect zu heiraten. Das geht nämlich mit Mr. Normal ganz prima!

In diesem Sinne: einen wunderschönen Valentinstag 2014, liebe Liebenden!

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