Du sollst mir Blumen schenken, aber von Dir aus! - Das „Sei doch mal spontan!“-Paradoxon

Gestern hatten mein Mann und ich unseren Kennenlerntag. Solche Tage sind ja für Paare eigentlich ein guter Anlass, sich einen schönen Tag oder wenigstens Abend zu machen, sollte man meinen. Oft genug gehen sie aber auch gründlich daneben - z. B. wenn einer der Beteiligten (vorzugsweise der männliche Teil) den Tag entweder ganz vergisst, oder aber zumindest ohne Blumenstrauß oder das "richtige" Geschenk anrückt. "Wenn er mich wirklich lieben würde, dann würde er doch ..." Oder?
 
Ein beliebtes Thema in Paarbeziehungen. Übrigens nicht nur am Kennenlern-, Hochzeits- oder Was-weiß-ich-Tag. Ich hätte schrecklich gerne einen Euro für jedes Mal, da ich aus weiblichem Mund die Klage hören durfte: "Nie bringt er mir Blumen mit!" - wahlweise natürlich auch Schmuck, Pelze, oder einfach irgendein kleines Zeichen der Zuneigung mal zwischendurch. Frauen sind (wenn die erste stürmische Werbungsphase vorbei ist) meist sehr enttäuscht, wenn von männlicher Seite diesbezüglich so gar nichts mehr kommt. Keine rote Rose mehr unter dem Scheibenwischer, wenn man abends aus dem Büro auf den Parkplatz kommt. Kein Überraschungspäckchen unter dem Kopfkissen. Keine "post it"-Haftnotiz mehr am Badezimmerspiegel mit "ich liebe Dich!" drauf. Keine Tickets für einen romantischen Wochenendtrip mehr im Terminkalender. Und dann nicht mal mehr ein Blumenstrauß am Hochzeitstag! 

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Ein bisschen anders gelagert, aber im Grundsatz ähnlich ist die - ebenfalls meist weibliche - Beschwerde: "Und außerdem hilft er mir nie im Haushalt!" Thematische Variationen dazu gibt es auch hier reichlich; inhaltlich geht es immer darum, dass frau gerne bestimmte Aufgaben erledigt bzw. abgenommen hätte, es aber nach einigen Versuchen aufgibt, diese vom Liebsten einzufordern, sondern sich auf den Standpunkt zurückzieht: "Das muss er doch selbst sehen, dass das gemacht werden muss ... dass mir das alleine zu viel ist ... dass andere Männer das auch für ihre Frauen machen usw.!" Und beleidigt reagiert, wenn er statt wie von ihr gewünscht das Wohnzimmer neu zu tapezieren lieber an seiner Harley rumschraubt. 

Letzten Endes geht es in beiden Fällen darum, dass sich ein Partner - in diesem Fall die Frau - etwas vom anderen wünscht, das aber nicht klar sagt, sondern erwartet, dass der andere von sich aus errät, was er tun soll. Das wird immer dann besonders deutlich, wenn ich in Paartherapien mit viel Geduld die Partner dazu bewogen habe, sich mal ohne Vorwurf in der Stimme, einfach als Bitte und Ich-Aussage ("ich wünsche mir von dir, dass du ...") gegenseitig zu sagen, was sie freuen würde. Für Frauen ist das meiner Erfahrung nach immer eine grässliche Aufgabe! "Also, wenn er das nicht selber weiß ..." kommt dann immer motzig aus dieser Ecke, und im Nachsatz schwingt ungesagt mit: ".. dann liebt er mich nicht!"- ".. dann bin ich ihm nicht wichtig!" - „... dann versteht er mich nicht!“ oder dergleichen. Hat sie sich dann endlich durchgerungen, eine Liste von Wünschen zu formulieren, darf ich in der nächsten Sitzung so sicher wie mit dem Amen in der Kirche mit dem partnerschaftlichen Super-GAU rechnen: "Ja, natürlich hat er mir letzten Samstag dann Blumen mitgebracht, nachdem wir bei Ihnen hier drüber geredet hatten! Aber an denen konnte ich mich überhaupt nicht freuen, weil er die ja bloß auf Aufforderung gekauft hat, und nicht von sich aus! Dann sind sie auch nichts wert!" Zack! Und schon sitzt der arme Mann in der Falle. Kauft er ab sofort Blumen, tut er es nur, weil sie ihn dazu aufgefordert hat, die kann er dann gleich der Kompostierung zuführen. Und kauft er keine, ist es ja klar, der alte Stoffel wird sich halt nie ändern. Das ist nämlich die Crux an Aufforderungen wie der aus der Überschrift - sie sind einfach nicht erfüllbar, da sie einen Widerspruch in sich enthalten. 

Vor längerer Zeit war ich auf einer sehr schönen und inspirierenden Weiterbildung des Weinheimer Instituts für Familientherapie. Darin ging es um Paare und deren Zusammenleben im Spannungsfeld zwischen Individuation - unserem ureigenen Wunsch, uns selbst als Persönlichkeit frei zu entfalten - und Symbiose - unserer Sehnsucht, mit einem anderen ganz zu verschmelzen und eins zu werden. Also zwei (zumindest auf den ersten Blick) ganz gegensätzliche Bedürfnisse. Viele Fallbeispiele aus dem Liebes- und Paaralltag kamen zur Sprache. Natürlich auch das mit den Blumen. Und dabei wurde ganz deutlich sichtbar, dass viele Frauen mit dem ersten Teil - der Individuation - größere Schwierigkeiten haben als mit dem zweiten Teil - der Symbiose. Für mich selbst einstehen, meine Wünsche klar formulieren und auch durchsetzen, zur Not auch gegen Widerstände und mit dem Risiko von Ärger und Konflikten, das können wir nicht so gut. Zu sagen: "das will ich" und "das will ich nicht", das haben wir nicht oder nicht richtig gelernt. (Oder warum boomen Selbsthauptungskurse für Mädchen, die genau das zum Thema haben?) Irgendwie ist das auch anrüchig, diese Klarheit, nicht "lieb" genug. Wir wollen aber lieb sein, lieb und unschuldig und anspruchslos. Also möchten wir, dass der andere errät, was wir uns wünschen, und uns das dann gibt, ohne, dass wir danach fragen mussten. Damit sind wir nämlich fein raus - wir dürfen uns weiter lieb und unschuldig und anspruchslos fühlen, und haben doch unseren Blumenstrauß auf dem Tisch und das Wohnzimmer neu tapeziert. Und dürfen uns in unserer symbiotischen Verschmelzungsfantasie einkuscheln, denn der andere "weiß" ja, was wir wollen.

Liebe Frauen, was ist denn so schrecklich an eigenen Wünschen und Bedürfnissen? Warum dürfen wir die denn so gar nicht haben, und wenn, warum dürfen wir sie dann nur auf so merkwürdigen Umwegen befriedigen? Was ist denn an dem Blumenstrauß auf dem Wohnzimmertisch, genau betrachtet, deshalb weniger schön, weil wir unseren Mann zwei Tage vorher erinnert haben: "Schatz, denk dran, Dienstag ist Hochzeitstag!"? Nichts - und an den Geburtstag seiner Mutter und das Vorsingen der Tochter erinnern wir ihn ja auch, ohne dann rumzujammern, dass es nichts wert ist, wenn er kommt, bloß weil er nicht selbst dran gedacht hat. Sich in solchen Strukturen festzubeißen, bedeutet, sich selbst und dem Partner das Leben unnötig schwer zu machen. Gedanken lesen können Männer eben nicht (Frauen auch nicht, die bilden sich das nur gelegentlich ein!). Freuen wir uns an dem Blumenstrauß - und daran, dass wir nicht in die "kleine Mädchen-Falle" getappt sind, sondern gesagt haben, was wir uns wünschen! Der andere entscheidet nämlich dann immer noch, ob er diesen Wunsch erfüllen möchte oder nicht. Natürlich gehört zum Fragen auch der Schneid dazu, mit einem "Nein" auf einen Wunsch fertig zu werden. Aber das ist ein anderes Thema ... 

Ich habe übrigens auch keine Blumen gekriegt gestern. Mein Mann weiß, dass ich mir die lieber rund ums Jahr selber kaufe, wenn mir gerade danach ist. Statt dessen haben wir morgens gemeinsam überlegt, dass es doch schlau wäre, das schöne Wetter auszunutzen, und sind deshalb erst ins Freibad und dann auf einen Bauernhof in der Nähe gefahren, wo wir in der Sonne gesessen und ausgiebig geschlemmt haben. Und ganz ehrlich: es war super lecker und sehr romantisch! Obwohl (oder sogar weil?) es meine eigene Idee war. 

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