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Gestern Morgen war ja die halbe Republik in ziemlicher Aufregung: Nach der Online-Drohung eines Jugendlichen, am Nikolaustag einen Amoklauf in seiner Schule zu starten, holten besorgte Eltern ihre Kinder aus dem Unterricht oder ließen sie gleich ganz zu Hause; die Polizei war mit zahllosen Einsatzkräften unterwegs, um in Frage kommende Schulen zu sichern und die Medien überschlugen sich wieder mal mit Kommentaren zum Zusammenhang zwischen gewalttätigen Computerspielen und jugendlichen Amokläufern. Später am Tag dann die vorläufige „Entwarnung“ - ein bis dahin verschwundener 18jähriger, der als Verfasser der Nachricht in Frage kam, war tot in einem Waldstück nahe seines Elternhauses im badischen Meißenheim aufgefunden worden. Er hatte sich mit der Pistole seines Großvaters, die er aus dem elterlichen Waffenschrank entwendet hatte, erschossen. Ein paar Vollidioten betätigen sich derzeit als Trittbrettfahrer und haschen mit angeblich nicht ernst gemeinten Amok-Drohungen nach der öffentlichen Aufmerksamkeit. Die Wogen kochen hoch und höher - was tun, wenn das Bildungssystem unter den Attacken weiterer Scherzbolde ins Wanken gerät und der ordnungsgemäße Unterricht nicht mehr ungestört stattfinden kann, wie soll man künftig ernst gemeinte Drohungen von den Mails gelangweilter Freizeitcowboys unterscheiden, muss man Egoshooter-Computerspiele doch vielleicht schneller auf den Index setzen etc. etc. Viele Fragen, wenig Antworten, alle sicherlich wichtig und brennend, kein Zweifel.

Mich beschäftigt in dem ganzen Chaos eher ein Detail des Geschehens. Schon gestern zitierte Spiegel Online den Vater des Achtzehnjährigen mit den Worten, sein Sohn habe in der letzten Zeit „gewirkt, als ob er sich etwas antun wolle“. Keine Pressemitteilung heute Morgen, in der der Jugendliche nicht als „introvertiert, selbstmordgefährdet und einzelgängerisch“ beschrieben wird. Die letzte SMS des Jungen an seinen Freund vom Dienstag Abend wird wiedergegeben: „ich gehe morgen nicht in die Schule, mir geht es dreckig“. Selbst wenn man den bekannten Effekt nach überraschenden Gewalttaten abzieht (plötzlich hat jeder irgend etwas Verdächtiges bemerkt, der Nachbar war „schon immer irgendwie seltsam“ und dergleichen), bleibt der Eindruck, dass Johannes F. nichts unversucht gelassen hat, seine Umgebung auf seine furchtbare seelische Verfassung aufmerksam zu machen. Und trotzdem ist nichts passiert - keine Hilfe, kein Gespräch, nicht einmal simpelste Präventivmaßnahmen wie das Entfernen von Schusswaffen aus dem Zugriffsbereich des jungen Mannes. Ich frage mich, warum?

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Freitod, Suizid, Selbsttötung, Selbstmord - wie auch immer man es nennen will - ist statistisch gesehen die zweithäufigste (!!!) Todesursache bei Kindern und Jugendlichen bis 20 Jahren. Nur Unfalltode sind häufiger. Drei Kinder täglich sterben in Deutschland durch Suizid; weitere 40 unternehmen einen Suizidversuch. Die Dunkelziffern wagt niemand zu schätzen, sie liegt vermutlich um ein Vielfaches höher. Bei den Suizidversuchen ist die Zahl der Mädchen dreimal höher als die der Jungs (auch bei Erwachsenen sind es weit mehr Frauen als Männer); bei den vollendeten Suizids haben die Jungs die Nase vorn (Gleiches gilt auch für die Erwachsenen; hier sind es fast drei Viertel männliche Tote). Der Grund: Jungen und Männer wählen die „harten“ Methoden - erschießen, erhängen, vom Hochhaus springen und dergleichen; Mädchen die „weichen“ - Schlaftabletten, Pulsadern öffnen etc. Bei letzteren ist die Chance auf Hilfe in letzter Sekunde einfach größer. Jährlich sterben in Deutschland mindestens 11.000 - 13.000 Menschen von eigener Hand; insgesamt werden zwischen 100.000 und 150.000 ernsthafte Suizidversuche unternommen.

Besonders tragisch in meinen Augen: Acht von zehn Suizidanten kündigen ihre Tat vorher an; hat ein Mensch erst einmal einen ersten Suizidversuch hinter sich, steigt das Risiko enorm, denn 85 % dieser Personen versuchen es ein zweites Mal. Oft genug wird der Todeswunsch explizit geäußert, aber einfach nicht ernst genommen. Subtilere Anzeichen gerade bei Kindern und Jugendlichen können sein: Schule schwänzen, Weglaufen, Essstörungen, Freundschaftsabbrüche, Delinquenz und allgemeine Interesselosigkeit - wenn das Kind plötzlich anfängt, seine Lieblingsspielsachen zu verschenken, das Meerschweinchen der Freundin bringt und ursprünglich geliebte Hobbys aufgibt.

Erwin Ringel, ein bekannter Suizidforscher, hat den Begriff des präsuizidalen Syndroms hierfür geprägt. Im Mittelpunkt stehen dabei die Einengung des Lebens auf Todeswünsche und ein schrittweiser Rückzug aus dem Leben in die totale innere und äußere Isolation. Vor allem Männer tun sich schwer, in kritischen Lebensphasen direkt nach Hilfe zu suchen; zwei Drittel derjenigen, die hier selbst initiativ werden, sind Frauen. Die Ursachen hierfür sind umstritten, sicherlich spielt die Sozialisation eine Rolle.

Auch Johannes F. hat mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit Signale ausgesandt, lange vor seiner gestrigen Verzweiflungstat. Sie sind erfolglos geblieben. Das Umfeld reagiert oft hilflos und abwiegelnd auf die Symptome des präsuizidalen Syndroms. Was macht es uns so schwer, einem Menschen in seelischer Not zu helfen? Ein paar Gedanken dazu - sicher nicht vollständig, aber wichtig:

Ein weit verbreiteter Irrglaube ist es, dass Menschen, die über Selbstmord reden, ihn nicht wirklich begehen. Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache. Wenn 80 % Ankündigungen gemacht haben, wie viele von ihnen hätten wohl durch eine zugewandtere Reaktion gerettet werden können? Es ist ungeheuer wichtig, dass Angehörige, Freunde und das gesamte soziale Umfeld eines Menschen sensibel und aufmerksam reagieren, wenn der Betroffene in irgendeiner Weise suizidal wirkt oder gar von seinen Todeswünschen spricht. Selbst ein scheinbar beiläufig hingeworfenes: „Ich hab gar keine Lust mehr zu leben, das ist ja alles so schwierig“, sollte alle Alarmglocken läuten lassen. Die meisten Menschen reagieren aber abwehrend oder voreilig beschwichtigend auf solche Äußerungen von Bekannten oder Freunden. „Das ist doch alles nicht so schlimm.“ - „So etwas darfst du nicht sagen!“ - „Jetzt spinn halt nicht rum!“ sind die üblichen Reaktionen der - vielleicht im Innersten sogar erschrockenen - Umwelt. Die Folge: Der Betreffende findet niemanden, dem er sich mit seinen Sorgen und Ängsten anvertrauen kann, zieht sich weiter in seine innere Emigration zurück und sieht zuletzt wirklich keinen Ausweg mehr.

Manche Menschen glauben auch fälschlich, man dürfe einen anderen, der besonders niedergeschlagen und in sich gekehrt wirkt, nicht auf das Thema Selbstmord ansprechen, weil man ihn damit erst auf die Idee dazu bringe. Auch das ist falsch - sei dir sicher, ehe dir der Gedanke das erste Mal durch den Kopf gegangen ist, dass der andere irgendwie lebensmüde auf dich wirkt, hat der andere schon tausende Male an den Tod gedacht. Der wichtigste und von allen Menschen im Umfeld jederzeit leistbare Schritt ist daher: Sprich mit dem Betroffenen! Sag, dass du dir Sorgen machst, dass du Angst um ihn oder sie hast und dass du mit ihm reden möchtest. Rede dabei auch nicht um den heißen Brei herum - wenn du denkst, der andere könnte das Leben satt haben, dann sag es genau so und benutze ruhig Worte wie „dich umbringen“ „dir das Leben nehmen“ „dir etwas antun“ oder dergleichen. Du wirst damit nichts anstoßen, was nicht ohnehin in dem Betreffenden schwelt, und für ihn ist es eine Erleichterung, wenn endlich jemand sagt, was Sache ist, statt mit Abwehr und Angst zu reagieren. Wenn du dich geirrt hast - was macht das schon? In jedem Fall hast du ihm die Möglichkeit gegeben, sich dir anzuvertrauen und deine Hilfe anzunehmen. Und du hast gezeigt, dass du dir Gedanken um ihn machst, dass er dir wichtig ist, dass du ihn nicht verlieren möchtest. Was kann daran schlimm oder falsch sein?

Eine weitere weit verbreitete Vorstellung ist es, dass man einen Menschen, der zum Suizid entschlossen sei, nicht davon abbringen könne. Auch das ist falsch - die allermeisten Menschen wünschen sich sogar, dass jemand sie von ihrem Entschluss abbringt, das weiß man heute aus den Berichten von Personen, die Suizidversuche überlebt haben. Auch Ringel sieht hinter den Ankündigungen des Freitodes vor allem den Wunsch nach Hilfe von den Angehörigen; selbstverständlich gibt es auch immer wieder Menschen, die versuchen, andere mit einer Selbstmorddrohung unter Druck zu setzen, z. B. nach einer beendeten Liebesbeziehung. Oft spielt auch eine nicht oder nicht ausreichend behandelte Depression eine Rolle. Natürlich gibt es auch die Personen, die sich frei und selbstbestimmt für die Selbsttötung entscheiden, z. B. aufgrund einer unheilbaren Krankheit oder dergleichen. Sie werden ihr Vorhaben sicher trotz gut gemeinter Hilfsangebote irgendwann irgendwie verwirklichen. Aber ihre Zahl ist weit geringer, als man landläufig annimmt. Es lohnt sich also, die eigenen Ängste nicht beiseite zu schieben und das Thema anzusprechen. Nimm dein Herz in die Hand und mach den Mund auf - du musst die Situation nicht alleine retten, es gibt viele Organisationen und Einrichtungen mit Anlaufstellen für Selbstmordgefährdete, wo du zusätzliche Hilfe holen kannst. Einige Links findest du im Anhang. Eine Zwangseinweisung in die Psychiatrie ist sicherlich keine schöne Maßnahme, aber angesichts der Alternative immer noch die bessere Wahl, wenn sich kurzfristig keine andere Lösung findet und die Gefahr für Leib und Leben des Betroffenen zu groß ist.

Und wenn du selbst mit dem Gedanken an einen Suizid spielst: Gib dem Leben noch eine Chance. Wenn deine Umwelt taub und blind ist, dann nutze die Möglichkeiten der professionellen Hilfseinrichtungen für dich. Der erste Schritt ist es, mit irgendjemandem über das zu sprechen, was dich so quält. Du kannst das ganz anonym tun, z. B. in einem Forum wie dem unten genannten oder in einer Telefonberatung. Auch ein guter Therapeut oder eine gute Therapeutin ist eine Möglichkeit. Es gibt Beratungsstellen in allen größeren Städten, die dich auch kurzfristig und anonym unterstützen können. Gemeinsam lässt sich fast immer ein Weg finden. In den allermeisten Fällen bedeutet der Satz: „Ich will nicht mehr leben!“ nichts anderes als: „Ich will so nicht mehr leben!“ Glaub daran, dass du dein Leben ändern kannst - dafür musst du nicht sterben!

Heute sind wieder mal alle schlauer als gestern und vorgestern. Im Sauerland wurde ein junger Mann festgenommen, der mit einer weiteren Amokdrohung in Verbindung gebracht wurde. Zwar fand man keine Waffen bei ihm, brachte ihn aber immerhin in die Psychiatrie, nachdem er konkrete Selbstmordabsichten geäußert hatte. Wenn er Glück hat, findet er jetzt irgendwie die Hilfe, nach der auch Johannes F. ganz sicher laut und vernehmlich gerufen hatte - allerdings ohne gehört zu werden.

Der Panther

Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so müd geworden, dass er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.

Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein großer Wille steht.

Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos auf -. Dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille -
und hört im Herzen auf zu sein.

(Rainer Maria Rilke)

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