Vom Teufelskreis zur Chance: Wie positive Erwartungen unser Leben verändern können



„… und dann gehe ich mit diesen ganzen negativen Gedanken ins Bett und wälze mich stundenlang hin und her. Seit Wochen. Dabei müsste ich dringend mal richtig ausschlafen, ich bin tagsüber natürlich auch die ganze Zeit müde. Ich fürchte mich davor, abends das Licht auszumachen. Ich weiß ja, dass ich bestimmt wieder nicht schlafen kann!“

Ein klassischer Teufelskreis, den meine Klientin da schildert. Schlafmediziner nennen so was „erlernte Insomnie“. Aus einigen schlecht verbrachten Nächten entsteht dabei ein innerer Leistungsdruck („ich muss jetzt schlafen!“), und die damit verbundene Anspannung lässt einen natürlich erst recht wieder hellwach im Bett liegen. Passiert das mehrfach hintereinander, baut sich etwas auf, was unter Psychologen „Erwartungsangst“ heißt - im Bericht meiner Klientin oben sehr schön illustriert.

Diese Erwartungsangst und die durch sie erzeugten Teufelskreise können uns an sehr vielen Stellen das Leben unnötig schwer machen, nicht nur abends beim Ins-Bett-Gehen. Selbst bei so was Schönem wie dem Flirten! Bei einem guten Bekannten von mir (der sich nach mehreren Jahren Witwerdaseins eigentlich gerne neu verlieben würde) feiern sie zum Beispiel gerade fröhlich Urständ: „Bestimmt finde ich nie wieder jemanden, der sich in mich verliebt! Wieso auch, ich bin zu alt, ich bin nicht mehr attraktiv genug, welche Frau sollte mich denn noch wollen?“ (Zur Info: Er ist gerade 60 geworden, also mit einem Bein im Grab steht er wirklich noch nicht, und wie eine Vogelscheuche sieht er ehrlich auch nicht aus …) Eine andere Klientin, die nach längerer Kinderpause gerne in ihren Job zurückkehren würde und bei der nicht gleich die erste Bewerbung zum Erfolg geführt hat, ist jetzt felsenfest überzeugt davon, dass sie eh nie wieder irgendwo eingestellt werden wird.

Was haben diese (und viele weitere) Situationen denn nun gemeinsam? Ein psychologisches Prinzip, das man auch als sich selbst erfüllende Prophezeiung bezeichnet: Die Angst vor einem negativen Ereignis kann nämlich die Wahrscheinlichkeit für dessen tatsächliches Eintreten erhöhen. Am Beispiel meiner schlaflosen Klientin ist dir das bestimmt schon klar geworden. Was meinen liebeshungrigen Bekannten angeht: Tja, der startet in seine zaghaften Dating-Versuche jetzt mit der festen Überzeugung, auf dem Partnermarkt mit Stirnglatze und ohne Waschbrettbauch eigentlich eh keine Chance zu haben. Seine Unsicherheit erhöht seinen Sex-Appeal beim weiblichen Geschlecht natürlich nicht gerade, womit sich seine Befürchtung wiederum bestätigt. Und meine jobsuchende Klientin denkt sich nach ihrer ersten Absage gerade: wozu überhaupt noch weitere Bewerbungen schreiben?- Et voilà - da ist er, der Teufelskreis.

Die gute Neuigkeit: das Prinzip lässt sich genauso in umgekehrter Weise nutzen. Aus anderen Texten von mir zum Thema Optimismus weißt du vielleicht noch, dass eine hoffnungsvolle Erwartungshaltung auch die Chance auf positive Erlebnisse erhöht. Einfach, weil sie unsere Wahrnehmung anders fokussiert und uns lockerer und mit mehr Selbstvertrauen an die Dinge herangehen lässt. Spitzensportler nutzen das übrigens längst ganz selbstverständlich, indem sie sich im Rahmen ihrer Wettkampfvorbereitung vorab schon geistig auf dem Siegertreppchen visualisieren.

Damit will ich jetzt natürlich überhaupt nichts gegen AHA-Regeln, Privathaftpflichtversicherungen oder andere durchaus sinnvolle Vorsorgemaßnahmen gegen die Widrigkeiten des Alltags gesagt haben. Aber letzten Endes solltest du immer mit allem rechnen, auch mit dem Guten! Achtsamkeit und Umsicht empfehlen sich natürlich in fast jeder Lebenslage eher als Leichtsinn - ängstliches Verkrampfen ist aber kontraproduktiv. Um an dieser Stelle mal ein Sprichwort aus dem islamischen Kulturkreis zu bemühen: „Vertraue auf Gott und binde dein Kamel fest!“ Weder „oder“ noch „aber“, sondern „und“ - das ist die richtige Einstellung!