Glücklich ohne Vergleich: Warum das Leben jenseits der Konkurrenz erfüllter ist



„Das Vergleichen ist das Ende des Glücks und der Anfang der Unzufriedenheit“, wusste schon der Philosoph Søren Kierkegaard. Wie wahr! Mir wurde das letzte Woche wieder einmal bewusst. Eine Klientin (eine junge Frau Ende Zwanzig) erklärte mir unter Tränen, wie schlecht sie sich fühle, weil sie den Eindruck habe, alle anderen in ihrer Altersklasse führten ein weitaus glücklicheres, gelingenderes und erfolgreicheres Leben als sie selbst.

Den Mechanismus, mit dem sich meine Klientin da so erfolgreich selbst unglücklich machte, beschrieb der US-Psychologe Leon Festinger in den 1950er Jahren in seiner Theorie des sozialen Vergleichs. Indem wir uns mit anderen Menschen vergleichen, suchen wir nach Informationen über uns selbst: Wo stehe ich? Wie schneide ich im Vergleich zu anderen hinsichtlich meiner Fähigkeiten, meiner Leistungen und meiner Ressourcen ab? Bin ich besser oder schlechter als sie? Kann ich mehr oder weniger? Besitze ich mehr oder weniger? Dieses Verhalten ist uns prinzipiell angeboren und auch Teil unseres ganz normalen, täglichen Lernprozesses. Würden wir nie rechts oder links schielen, was andere Menschen so machen, würden wir schließlich viele Fähigkeiten, die wir über Nachahmung und Imitationslernen im Laufe der Zeit erwerben, nie entwickeln (Sprechen zum Beispiel).

Laut Festinger gibt es verschiedene Varianten des sozialen Vergleichs: den aufwärts gerichteten (mit Leuten, die einem in irgendeiner Hinsicht überlegen sind), den abwärts gerichteten (mit Leuten, die einem unterlegen sind) und den horizontalen (mit Leuten auf Augenhöhe). Klar, dass jeder dieser Vergleiche jeweils einen völlig anderen Effekt auf die eigenen Emotionen hat! Will man die eigene Stimmung heben, ist der Blick nach unten dabei natürlich immer hilfreicher als der Blick nach oben. Meine Klientin dagegen ist ein schönes Beispiel dafür, wie man sich mit einem aufwärts gerichteten Vergleich nachhaltig unzufrieden machen kann.

Es ist, wie oben schon erwähnt, trotzdem gar nicht nur und ausschließlich eine schlechte Idee, sich ab und zu auch mal mit Menschen zu vergleichen, die man bewundert oder sogar beneidet. Es kann durchaus ein sinnvoller Ansporn zur persönlichen Weiterentwicklung sein, wenn wir mit dem Ergebnis eines sozialen Vergleichs nicht oder nicht mehr zufrieden sind. Die Feststellung, dass meine - sogar etwas ältere! - Freundin Ulrike dank fleißigen Trainings immer noch locker mit gestreckten Beinen ihre Zehenspitzen berühren kann, während ich mit Müh und Not bis zu meiner Wade komme, hat mich beispielsweise vor kurzem dazu motiviert, mich endlich mal beim Yoga anzumelden. Langfristig sicher gut für mich (wenn der Muskelkater mal nachlässt).

Gefährlich für unser Glück wird es aber, wenn wir uns gewohnheitsmäßig die falschen Vergleichsobjekte aussuchen. Wenn wir immer nur Aufwärtsvergleiche anstellen und dabei all das übersehen, womit wir zufrieden, worauf wir vielleicht sogar stolz sein könnten. Oder wenn wir keine vollständigen und fairen Vergleiche ziehen.

Soziale Medien spielen seit fast 20 Jahren natürlich eine ganz entscheidende Rolle bei der Verstärkung all dieser Vergleichsprozesse. Klar, dort werden ja von allen meist nur die tollen Momente des Lebens, die Erfolge und Highlights präsentiert. Instagram, Facebook, TikTok & Co. haben seit ihrer Einführung deswegen dafür gesorgt, dass sich unsere Standards für Erfolg, Schönheit und Lebensqualität völlig verschoben haben. Wir scrollen dort alle ständig durch idealisierte Online-Darstellungen - auch meine junge Klientin gab auf meine Nachfrage zu, dass sie viel Zeit auf diesen Plattformen zubringt. Und wie bei vielen anderen auch, führte das bei ihr zu dem Gefühl, nicht mithalten zu können und unzulänglich zu sein: Alle anderen machten gefühlt dauernd aufregende Urlaube an exotischen Zielen, feierten rauschende Partynächte oder hielten strahlend irgendwelche Sporttrophäen in die Kamera. Außerdem wurde allerorten ambitioniert gekocht oder gewerkelt/gebastelt. Alles selbstverständlich in piekfein sauberer Umgebung, mit perfektem Make-up und sorgfältig gestyltem Outfit. Niemand, wirklich niemand saß - wie sie das gerne tat - bloß einfach in ein Buch vertieft in der Schlafanzugshose in einem Sessel!

Tja, da war sie doch glatt in die Social Media-Falle getappt. Je mehr wir uns in den sozialen Medien herumtreiben und unsere eigenen realen Erlebnisse mit den inszenierten Höhepunkten anderer vergleichen, desto schlechter fühlen wir uns nämlich. Unsere Wahrnehmung wird immer verzerrter - und der Algorithmus hinter dem Ganzen tut sein Übriges, damit wir da immer schneller hangabwärts rutschen. Denn natürlich ist der darauf geeicht, uns möglichst lange online zu halten - und präsentiert uns dafür immer mehr und mehr von den Inhalten, für die wir uns interessieren (auch wenn sie uns nicht gut tun). Die ständige Konfrontation mit den scheinbar perfekten Leben der anderen kann unser Selbstwertgefühl senken und zu Unzufriedenheit, ja sogar zu ernsten psychischen Problemen wie Angstzuständen und Depressionen führen. Das ist mittlerweile anhand psychologischer Forschung gut belegt.

Es ist deshalb enorm wichtig, sich immer wieder und wieder daran zu erinnern, dass das, was wir da online präsentiert bekommen, nicht die Realität widerspiegelt. Dass hinter jedem vermeintlichen „Schnappschuss“, den die bewunderte Influencerin postet, Hunderte andere Fotos stehen, die als nicht gut genug verworfen wurden. Dass heutzutage so gut wie jedes Bild, das online geht, technisch bearbeitet und verbessert wurde. (Einen schönen Artikel über den Aufwand, den InfluencerInnen diesbezüglich betreiben, findest du hier: https://fivmagazine.de/instagram-shooting-so-machen-influencer-bilder/ ) Bieten solche Accounts also eine gute Plattform für faire, horizontale Vergleiche? Naja, nicht wirklich … aber darum geht es denen ja auch nicht.

Es ist nicht einfach, sich diesem Sog aus dem Netz entgegen zu stemmen - aber machbar. Und auf jeden Fall äußerst wichtig! Sonst versinken wir in dieser Scheinrealität irgendwann nämlich wie in Treibsand. Der erste Schritt da raus ist es, die Zeit, die wir online verbringen, wirklich konsequent zu begrenzen (und ja, da zwickt die FOMO mal kurz, aber das muss man einfach ignorieren und aushalten)! Der zweite Schritt ist es, den eigenen Stream kritisch unter die Lupe zu nehmen und sich noch mal genau anzuschauen, welchen Accounts man selbst da eigentlich folgt. Welche davon bringen einem Freude, Spaß und positive Gefühle? Und welche ziehen einen eher runter, geben einem das Gefühl von Unzulänglichkeit oder Unzufriedenheit? (Bitte ehrlich sein!) Letztere sollte man wirklich hurtig aus dem eigenen Feed verbannen! Und durch solche ersetzen, die einem zuverlässig ein Lächeln ins Gesicht zaubern. Funny-Panda-Reels zum Beispiel …