Duftende Erinnerungen: Wie Gerüche unsere Gefühle und Erinnerungen formen



Wenn ich dich jetzt nach deiner Lieblingsfarbe fragen würde, dann hättest du wahrscheinlich spontan eine Antwort parat. Aber hast du dir schon mal überlegt, welches dein ganz persönlicher Lieblingsduft ist? Falls nein, dann ist jetzt der richtige Moment dafür. Denn heute soll es an dieser Stelle um das Thema Gerüche und ihren Einfluss auf unsere Psyche gehen.

Vielleicht kennst du ja Marcel Prousts Roman „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ (oder dessen Verfilmung aus dem Jahr 1999). Der Erzähler beschreibt darin in einer Szene sehr anschaulich, wie Geruch und Geschmack eines in Tee getauchten Bissens Madeleine schlagartig eine ganze Flut glücklicher Kindheitserinnerungen in ihm aufsteigen lassen. Ähnliche Erfahrungen haben wir wohl alle schon gemacht: Der Duft von frisch gebackenen Zimtsternen, bei dem sofort Weihnachtsstimmung in uns aufwallt. Oder der Duft von Zitrusblüten, der uns sofort in den Urlaub zurückversetzt. Dieser Effekt wird in der Psychologie - in Anlehnung an diese Szene - tatsächlich oft auch als „Proust-Effekt“ oder auch „Madeleine-Effekt“ bezeichnet.

Dass Gerüche so eine starke Wirkung auf unsere Gefühle und Erinnerungen haben, hängt damit zusammen, dass unser Geruchssinn (ebenso wie der Geschmackssinn) direkt auf einen entwicklungsgeschichtlich sehr alten Teil unseres Gehirns einwirkt: Die Riechzellen in unserer Nase reagieren auf Duftmoleküle und leiten den Reiz über den Riechnerv weiter an den so genannten Riechkolben im Gehirn. Dort entspringen zahlreiche weiterführende Nervenbahnen - und die meisten davon führen ohne Umweg ins so genannte limbische System. Zu diesem gehören unter anderem die Amygdala, die eine zentrale Rolle bei der Entstehung von Emotionen spielt. Und der Hippocampus, das Zentrum für das Langzeitgedächtnis des Gehirns. Diese direkte „Standleitung“ zwischen Nase und limbischem System ist die Ursache für die intensiven und spontanen Emotionen und Erinnerungen, die Düfte in uns wachrufen können.

Wie zentral die Rolle der Geruchsverarbeitung bei der Entstehung von Gefühlen tatsächlich ist, zeigt sich unter anderen in Experimenten, in denen Ratten der Riechkolben entfernt wurde. Die armen Tiere entwickelten daraufhin depressive Symptome! Tatsächlich zeigen auch Menschen mit stark eingeschränktem Geruchsvermögen in Studien mehr ängstliche und depressive Symptome. Wird ihr olfaktorisches Defizit behandelt - medikamentös, operativ oder mit Hilfe eines Geruchstrainings - gehen diese Symptome zurück.

Geruchsverlust ist auch ein häufiges Begleitsymptom von neurodegenerativen Krankheiten wie z. B. Demenz oder Morbus Parkinson. Es besteht zwar kein Anlass, panisch zu reagieren, wenn man bei der nächsten Weinprobe vielleicht nicht ganz glasklar zwischen den Aromen Erdbeere und Schwarze Johannisbeere unterscheiden kann. Aber es lohnt sich sehr wohl, dem Thema Duft in Sachen Glück ein wenig mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Eine funktionierende Nase ist sehr wichtig für die Lebensqualität, denn ohne sie ist auch der Geschmackssinn stark beeinträchtigt. Man kann die Nase auch tatsächlich gezielt trainieren: Wer drei Monate lang täglich an verschiedenen starken Aromen riecht, dessen Geruchssinn verbessert sich nachweislich. Professionelle Verkoster (z. B. Wein-Sommeliers, aber auch Restauranttester) schärfen ihren Geruchssinn deswegen auch sehr sorgfältig über viele Jahre in speziellen Seminaren.

Das kannst du aber auch ganz einfach und ohne großen zusätzlichen Aufwand daheim tun. Beispielsweise könntest du beim nächsten Einkauf mal drei oder vier Äpfel verschiedener Sorten und Farben in deinen Wagen legen. Daheim dann erst mal gut waschen, dann aufschneiden und mit geschlossenen Augen daran schnuppern. Bestimmt fallen dir schon bei so einer einfachen Übung erste Unterschiede in den jeweiligen Aromen auf. Wie würdest du sie für dich beschreiben? Dasselbe Spiel funktioniert natürlich auch prima mit anderen Früchten, mit Gewürzen oder überhaupt nahezu allen Lebensmitteln. (Okay, die Unterschiede zwischen verschiedenen Mineralwassern zu erschnüffeln, das wird dann doch etwas herausfordernd werden.) Aber dein Übungsfeld ist natürlich nicht auf Lebensmittel begrenzt. Wenn du erst mal anfängst, darauf zu achten, werden dir auch sonst in deinem Alltag plötzlich vielerorts ganz viele Gerüchte auffallen, die du bisher zwar alle auch schon gerochen, aber nicht so bewusst wahrgenommen hast. Und bei jedem davon kannst du dir eine passende Beschreibung überlegen. Das macht Spaß und schult deine Geruchswahrnehmung jedes Mal ein bisschen mehr.

Wenn du Lust hast, experimentiere doch mal in deinem Alltag mit Düften, die dir angenehm sind. Mit denen kannst du dich dann auch ganz gezielt umgeben: daheim, am Arbeitsplatz, im Auto, als Duft an deiner Kleidung. Als klassische Stimmungsaufheller gelten Orange, Bergamotte und Rose; als beruhigend und entspannend Lavendel oder Vanille. Demnächst gibt’s ja dann hoffentlich auch draußen schon ein paar Frühjahrsblüher zu riechen. Schnuppere dich einfach glücklich!