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Hochsensibilität und die moderne Arbeitswelt - zwei unüberbrückbare Gegensätze?

Dies ist ein Gastbeitrag der Psychologin Sylvia Wüstefeld. Sylvia Wüstefeld arbeitet als Verhaltenstherapeutin in freier Praxis in Baden-Baden. Als Therapeutin hat sie langjährige Erfahrung in verschiedenen klinischen Einrichtungen in der Rehabilitations- und Akutbehandlung von Erwachsenen mit psychiatrischen und psychosomatischen Erkrankungen. Sylvia Wüstefeld ist Mitglied des Bundesverbandes Deutscher Psychologinnen und Psychologen (BDP) und des Informations- und Forschungsverbundes Hochsensibilität e. V. (IFHS). Mehr unter www.therapiebruecke.de
Hochsensibilität als Persönlichkeitsmerkmal, welches durch eine im Vergleich zum Durchschnitt differenziertere und intensivere Reizwahrnehmung und -verarbeitung gekennzeichnet ist, ist in unserer heutigen Arbeitswelt immer noch mit einem Makel behaftet. Das ist kein Wunder in einer Zeit, in der die Anforderungen des allgemeinen Arbeitsmarktes den Fähigkeiten und Potentialen von hochsensiblen Menschen nur wenig entsprechen.

Dr. Marianne Skarics hat in ihrem Buch "Sensibel kompetent - Zart besaitet und erfolgreich im Beruf" einige interessante Fakten und Anregungen für hochsensible Menschen (Highly Sensitive Person = HSP) im Berufsleben thematisiert, die ich im Weiteren gerne mit aufgreifen möchte.

Dass hochsensible Menschen, aufgrund der vermutlich genetisch bedingten Veranlagung, sehr viel schneller als andere in einen Zustand der Reizüberflutung und Überforderung kommen können, lässt sie leichter Opfer von Ausgrenzung und Abwertung am Arbeitsplatz werden als andere. Auch nicht-hochsensible Menschen gelangen unter ungünstigen Bedingungen irgendwann an den Punkt, an dem sie sich überreizt fühlen und mit entsprechenden Symptomen der Überlastung (Nervosität, Konzentrationsprobleme etc.) zu kämpfen haben, das allerdings sehr viel später als HSPs. Aus diesem Grund fallen Hochsensible unter sehr stressigen Arbeitsbedingungen natürlich früher „negativ“ auf als ihre Kollegen.

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Da unsere Arbeitswelt durch Wettbewerb und Profitstreben geprägt ist, die Arbeitsplatzbedingungen durch Leistungs- und Zeitdruck gekennzeichnet sind und der Konkurrenzkampf untereinander groß ist, ist für viele Hochsensible das Thema Arbeit und Beruf recht problematisch. Problembereiche für Hochsensible am Arbeitsplatz ergeben sich durch die Arbeitsaufgaben. Das gilt z. B. für Arbeiten, die unter ständigem Zeitdruck erbracht werden müssen, Tätigkeiten, welche die starke Kontrolle von Vorgesetzten oder Kollegen beinhalten und auch für Arbeitsaufgaben, die nicht dem Wertesystem entsprechen. Aber auch Vorgesetzte und Kollegen können den Stresspegel erhöhen. Hochsensible halten sich eher außerhalb von sozialen Zusammenkünften auf, auch deshalb, weil sie die Arbeitspausen für sich alleine benötigen um sich zu regenerieren. Deshalb geraten sie schneller in eine Außenseiter-Position und werden als arrogant und seltsam wahrgenommen, was der Schikane und Ungleichbehandlung Vorschub leistet. Hochsensible werden aber auch bei Beförderungen oder Gehaltserhöhungen übergangen, da sie sich nur selten in den Vordergrund drängen, was ihrem ausgeprägten Gerechtigkeitssinn jedoch zuwider läuft. Ein weiterer Problembereich für HSPs ist in den Rahmenbedingungen zu sehen. Permanente Neonbeleuchtung, ständige Geräuschkulisse durch Stimmen, Telefone, Radioberieselung, zu wenig Privatsphäre, aufdringliche Gerüche oder eine unangenehme Raumatmosphäre etc. machen Hochsensiblen mehr zu schaffen als anderen.

Für Menschen mit einer solchen Veranlagung ist es daher besonders wichtig, ein Arbeitsumfeld zu finden, in dem sie sich mit ihren Bedürfnissen entfalten und in der sie ihre Stärken und Talente sinnvoll einbringen können. Hochsensible sind nämlich auch bekannt für ihre ausgeprägte Einfühlsamkeit, Kreativität, Gewissenhaftigkeit, Verlässlichkeit, stark ausgeprägte Intuition, ihren Gerechtigkeitssinn und für ihre gute Detailwahrnehmung. Sie denken in komplexen Zusammenhängen und sind zu tiefer Reflexion in der Lage. Sie verfügen über eine gute Feinmotorik und haben ein großes Potential zum Erkennen und Vermeiden von Fehlern und Differenzen. In der Berufswelt können Hochsensible durch ihre Veranlagung beispielsweise auch zu einer deutlichen Verbesserung des Betriebsklimas beitragen.

Unternehmen haben schon seit längerem die Chance entdeckt, einen Nutzen aus der bewussten Förderung der Unterschiedlichkeit ihrer Mitarbeiter im Sinne der Steigerung von Zufriedenheit, Leistungsbereitschaft und damit des Profites zu ziehen. Im Falle der Hochsensibilität jedoch hat ein erst kürzlich erschienenes Buch aufgezeigt, dass vielen Arbeitnehmern und Führungskräften die unterschiedliche Sensibilität ihrer Mitarbeiter zwar bewusst ist, sie jedoch nicht auf die Bedürfnisse von Hochsensiblen einzugehen vermögen („Wirtschaftsfaktor Hochsensibilität: Wahrnehmung und Einschätzung von Hochsensibilität im Beruf“ von Ronald Lengyel).

Welche realistischen Möglichkeiten hat ein hochsensibler Mensch demnach in unserer heutigen Arbeitswelt zufrieden und freudvoll zu sein bzw. zu bleiben und das Spannungsfeld Hochsensibilität und moderne Arbeitswelt für sich zu entschärfen? Entweder er fügt sich in die bestehenden beruflichen Strukturen innerhalb der Arbeitswelt bzw. am direkten Arbeitsplatz ein. Für Hochsensible, für die es jedoch neben günstigen Rahmenbedingungen und angenehmen zwischenmenschlichen Kontakten auch wichtig ist, dass die Arbeit mit Sinn und Freude gefüllt ist, behaupte ich mal ganz provokant, ist das in unserer bestehenden Unternehmenskultur selten möglich ohne früher oder später krank dabei zu werden. Oder sie brechen aus dem für sie unpassenden beruflichen Umfeld aus und suchen sich Betätigungsfelder, die ihren Stärken und Begabungen eher entsprechen.

Beides sind keine einfachen Aufgaben, weder das Anpassen an eine belastende Situation, noch das Verändern einer ungünstigen Situation. Immer gibt es gute Gründe, in der einen oder anderen Situation verbleiben zu wollen ohne größere Veränderungen angehen zu müssen. Daher lohnt es sicherlich, zunächst einmal auf ungünstige Arbeitsbedingungen zu versuchen einzuwirken. Für Menschen mit einer erhöhten Reizsensitivität ist es besonders wichtig, bestmögliche Bedingungen am Arbeitsplatz zu schaffen.

Hochsensible können dabei sowohl direkt an den Arbeitsaufgaben und den für sie ungünstigen Rahmenbedingungen als auch am Umgang mit Vorgesetzten und Kollegen ansetzen. Hinsichtlich der Arbeitsaufgaben können sie beispielsweise überlegen, welche Voraussetzungen gegeben sein müssen, um gute Arbeit leisten zu können und für überstimulierende Bereiche um Reduzierung der Stimulation bitten (z. B. geschlossene Türen, keine Radioberieselung während der Arbeit, regelmäßige Pausen, keine Mehrarbeit, keine stundenlangen Meetings etc.). Auch das „Nein“ sagen lernen ist von immenser Bedeutung, um sich gegenüber unzumutbaren oder überstimulierenden Aufgaben abgrenzen zu können. Im Umgang mit Vorgesetzten und Kollegen sollten HSPs versuchen, sich der Kommunikation nicht ganz zu entziehen und sich gelegentlich in Unterhaltungen einbringen, um nicht zur Projektionsfläche zu werden. Auch sollten sie sich Verbündete suchen (immerhin sind 15-20% der Bevölkerung hochsensibel!). Auch könnte man eigene Leistungen notieren, damit sie bei Gesprächen mit Vorgesetzten besser abrufbar sind. Hochsensible Menschen neigen nämlich dazu, ihre eigenen Leistungen rückblickend herunterzuspielen. Problematische Arbeitsbedingungen sollten angesprochen werden, indem man sich Verbündete sucht und gemeinsam auf Missstände aufmerksam macht. Auch Techniken des Stressabbaus bei akutem Stress einzusetzen ist hilfreich. Letztlich ist alles nützlich, was die eigenen Grenzen schützen hilft: Rückzug, Zeitlimits setzen, Augen schließen, Ohrstöpsel tragen etc.. Manchmal reicht schon eine geringe Minderung des Erregungszustandes aus, um eine Übererregung zu verhindern.

Sind wesentliche Veränderungen in der Arbeitsumgebung nicht möglich, sollte gut überlegt werden, ob der bestehende Arbeitsplatz nicht aufgegeben werden muss. Auch die Passung zwischen dem gewählten Berufsfeld und der eigenen Persönlichkeit sollte kritisch hinterfragt werden. Es gibt einige berufliche Tätigkeitsfelder, die den Stärken und Talenten von HSPs sehr gut entsprechen, z. B. in Kreativbereichen, in Erziehungs- und Beratungsbereichen, im Bereich Religion, Spiritualität, Esoterik, Lebensberatung, Bibliothekswesen, Lektorat, im Gesundheitswesen, in akademischen Berufen, im Computer- und Technologiebereich. Auch eine berufliche Selbstständigkeit sollte von Hochsensiblen in Erwägung gezogen werden, in der sie sich Strukturen schaffen und Werten und Bedürfnissen nachgehen können, die besser zu ihnen passen.

In meiner Tätigkeit als Psychotherapeutin habe ich überdurchschnittlich häufig erlebt, dass (hochsensible) Menschen auch unter unzumutbaren Arbeitsplatzbedingungen noch dazu neigen, sich eher an die Rahmenbedingungen am Arbeitsplatz anzupassen, anstatt sich Alternativen zu überlegen oder auf ihre Arbeitsplatzbedingungen zu versuchen einzuwirken. Eine wichtige Voraussetzung für die Veränderungsmotivation von Hochsensiblen kann sein, überhaupt von der eigenen Veranlagung zu wissen bzw. diese in das Leben integrieren und nicht länger so sein zu wollen wie die anderen. Mein Anliegen ist es daher, hochsensible Menschen darin zu unterstützen, einen besseren Zugang zu dem zu finden was sie wirklich gut können, brauchen und auch wollen und sie auch dafür zu sensibilisieren, häufiger als andere immer wieder zu überprüfen, ob die bestehenden Lebens- und Arbeitsbedingungen noch passend für sie sind.

Denn nicht selten sind, um die Eingangsfrage aufzugreifen, Hochsensibilität und die moderne Arbeitswelt tatsächlich zwei unüberbrückbare Gegensätze. Insbesondere in einer Kultur, in der dieser Wesenszug noch zu wenig geschätzt wird.

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