Mental Load: Das unsichtbare Gewicht des Alltags



Vielleicht bist du ja auch schon mal über den Begriff „Mental Load“ gestolpert - mal wieder so ein Anglizismus, der sich zunehmend in unserem Sprachgebrauch einnistet. Mental Load bezieht sich auf die kognitive - also mentale - Belastung, die in uns durch das ständige Managen und Koordinieren des Alltags entsteht. Wohlgemerkt: es geht dabei nicht (nur) in erster Linie um die tatsächliche, physische Ausführung von irgendwelchen Aufgaben, sondern um vor allem um das Denken, Planen und Entscheiden, das diese Aufgaben erfordern. Das läuft nämlich in der Regel unbewusst und im Hintergrund ab. Und genau deswegen wird diese Art von Belastung oft weder von uns selbst noch von anderen überhaupt wahrgenommen. Was aber natürlich nicht bedeutet, dass sie uns keine Kraft und Energie kostet. Ganz im Gegenteil sogar! Und während man natürlich gerne drüber streiten kann, ob sich nicht vielleicht auch ein griffiger deutscher Begriff für diese ganze Sache finden ließe, steht deshalb doch unumstößlich fest: höchste Zeit, dass wir überhaupt über dieses Phänomen reden, egal, in welcher Sprache!

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Machen wir das Ganze doch kurz mal an einem Beispiel konkret: Oma hat nächsten Monat Geburtstag - ein Geschenk muss also her! Auf einer To-Do-Liste ist das erst mal „nur“ ein einziger, harmloser Punkt - vermeintlich. Wenn wir jetzt aber mal den Mental Load betrachten, der mit diesem einen Punkt verbunden ist, erkennen wir ganz fix die vielschichtige geistige Belastung, die noch dahinter steckt:

  • Erst mal muss natürlich geklärt werden, für welchen Anlass das Geschenk gedacht ist – Geburtstag, Hochzeit, Jubiläum, etc. Das beeinflusst ja die Art des Geschenks. Bei Oma ist es ein runder Geburtstag, also darf das Geschenk etwas größer ausfallen als sonst. Wir müssen natürlich auch noch entscheiden, wie viel wir ausgeben möchten.
  • Dann müssen wir überlegen, was Oma mag, welche Interessen und Hobbys sie hat. Dazu müssen wir uns erinnern, was ihr vielleicht gefallen könnte, was ihr bei früheren Gelegenheiten eher mehr oder weniger Freude bereitet hat, aber natürlich auch an alles, was sie bereits besitzt, um Doppelungen oder unpassende Geschenke zu vermeiden. Was erwartet Oma von uns, was wäre ein zu großes, was ein zu kleines Geschenk? Schenken wir gemeinsam mit anderen etwas oder doch lieber individuell?
  • Haben wir das entschieden, geht’s weiter mit der Suche nach Geschenkideen online oder in Geschäften, dem Vergleich verschiedener Produkte, dem Lesen von Bewertungen und Preisen … das dauert!
  • Wenn wir damit durch sind, muss das Geschenk noch gekauft werden (online oder in einem Geschäft irgendwo, das dann ja auch noch gefunden und aufgesucht werden muss). Beim Online-Kauf müssen wir die Lieferadresse und gegebenenfalls die Lieferzeit mit im Auge behalten, um sicherzustellen, dass das Geschenk rechtzeitig ankommt.
  • Aber weil’s ja ein Runder ist, übergeben wir das Ganze vielleicht doch lieber selbst - also heißt es als nächstes: Geschenkpapier, Schleife und Grußkarte aussuchen und beschaffen, das Geschenk hübsch einpacken und die Karte beschriften!
  • Und dann geht es ans Planen der Geschenkübergabe! Wer übergibt wann und wo das Geschenk an Oma?
All diese Überlegungen und Planungen, die oft gleichzeitig und im Hintergrund ablaufen, tragen zum Mental Load bei, selbst bei so alltäglichen, banalen Aufgaben wie dem Kauf eines Geschenks. Und während wir den Weg zum Geschenkeladen oder auch die Zeit auf der Geburtstagsfeier ja vielleicht noch einplanen und auch durchaus als Belastung registrieren, bleibt vor allem die übrige „geistige Arbeit“ innerhalb des Prozesses sowohl uns und anderen oft unbewusst und dadurch auch unsichtbar - obwohl sie natürlich genauso Energie und Zeit beansprucht wie der konkretere Teil der Aufgabe. Die ständige geistige Belastung kann zu Stress, Überforderung und Erschöpfung führen. Langfristig sind auch ernstere Gesundheitsprobleme wie Burnout oder Depressionen möglich. Genau deswegen ist es auch so wichtig, dass das Thema allmählich im allgemeinen Bewusstsein ankommt. Nur wenn uns überhaupt klar ist, wie viel Mental Load wir tagtäglich mit uns herum schleppen, können wir nämlich auch Strategien entwickeln, um ihn zu reduzieren und besser zu bewältigen.

Besonders betroffen von Mental Load sind übrigens - keine Überraschung - Frauen, die neben ihrer beruflichen Tätigkeit auch heute noch oft den Großteil der Verantwortung für Haushalt und Familie tragen. Vor allem traditionelle Geschlechterrollen tragen immer noch dazu bei, dass Frauen mehr dieser Art von Care-Arbeit übernehmen, insbesondere in heterosexuellen Beziehungen. Die gesellschaftliche Erwartung, dass in erster Linie Frauen für das Wohlbefinden der Familie zu sorgen haben, verstärkt diesen Druck zusätzlich. Aber auch die moderne Arbeitswelt, die Flexibilität und ständige Verfügbarkeit fordert, erhöht den Mental Load auf alle Erwerbstätigen, da die Grenzen zwischen Beruf und Privatleben zunehmend verschwimmen.

Unter unseren iPersonic Persönlichkeitstypen sind es vor allem die acht mit fühlender Präferenz, die besonders anfällig für eine Überlastung durch Mental Load sind, das heißt: Engagierter Idealist, Harmoniebedürftiger Idealist, Spontaner Idealist, Verträumter Idealist, Sensibler Macher, Lässiger Macher, Fürsorglicher Realist und Gutmütiger Realist. Das liegt daran, dass deren ausgeprägtes Zugehörigkeits- und Fürsorgebedürfnis gegenüber anderen Menschen ihnen das Neinsagen besonders schwer macht. Ihnen allen ist es nicht nur wichtig, von anderen Menschen gemocht zu werden, sondern sie wünschen sich auch, dass es bitte immer allen um ihnen herum möglichst gut gehen soll. Ihre Antennen sind auf Empathie geschaltet und es fällt ihnen deshalb schwerer als den Persönlichkeitstypen mit logischer Präferenz, sich gegenüber den Wünschen, Ansprüchen und Bedürfnissen anderer (auch den unausgesprochenen!) abzugrenzen oder sich auch mal für „nicht zuständig“ zu erklären. Und mit ihrer Konfliktbereitschaft ist es leider auch nicht so sonderlich weit her - allzu oft übernehmen sie deshalb lieber seufzend den Löwenanteil am Alltag, als eine handfeste Auseinandersetzung zum Thema gerechte Aufgabenverteilung in Job und Familie zu riskieren.

Im nächsten Text zu diesem Thema wird es deswegen um Strategien gehen, wie man Mental Load reduzieren und mit dem, der unvermeidlich übrig bleibt, vielleicht besser umgehen kann.

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